Nr. 59
Wenn weniger mehr ist
Artikel von

Dr. Till Jansen
„Less is a bore“ – mit diesem Satz positionierte der Architekt Robert Venturi sich in den sechziger Jahren gegen den vorherrschenden Minimalismus. Es gelte, historischen Kontext und Komplexität des menschlichen Lebens auch in der Architektur widerzuspiegeln. Das Ornament, so Venturi, ist keinesfalls das Verbrechen, als das es Jahrzehnte zuvor galt (Loos, 1962 [1913]). Es steht vielmehr für Kreativität und die Möglichkeit, sich auszuprobieren.
Manchmal scheint mir, dass wir in der Psychotherapie seit den sechziger und siebziger Jahren einer ähnlichen Richtung folgen. Wir haben mehr Interventionen, komplexere und vielfältige Techniken. Die psychoanalytische Askese der Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts, gegen die sich Erickson so gerne wandte, ist bunter Vielfalt gewichen. Utilisation, Individualisierung der Therapie, Kreativität.
Die Gewinne sind offensichtlich: Kürzere und wirksame Therapien. Mehr Wärme in der therapeutischen Beziehung. Humor – und vieles mehr.
Dennoch scheint es mir, dass wir hin und wieder über das Ziel hinausschießen. Immer mehr Tools und Techniken, immer komplexere Bindestrich-Ansätze. Weniger ist mehr – manchmal beschleicht mich dieser Gedanke.

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Doch weniger tun – ist das überhaupt Ericksonsche Psychotherapie? Hat sich Erickson nicht immer gegen die Askese der Psychoanalyse gewandt? Strategisches Handeln statt warten. Intervention statt Schweigen (Haley, 1981).
Tatsächlich gibt es da eine Seite an Erickson, die manchmal wenig Beachtung zu finden scheint. So beschreibt er etwa den Fall eines Mannes (Erickson, 2008), der mit einer Vielzahl von Problemen zu ihm kommt: Bluthochdruck, Übergewicht, Zigarettenkonsum, Diabetes und Buerger-Krankheit. Mehrere Jahre Analyse haben nicht geholfen.
Erickson bittet den Patienten, sich zu setzen, die Augen zu schließen und einen Moment innezuhalten. Dann möge er seine Situation schildern, langsam, Satz für Satz, um schließlich einen Auftrag an ihn, Erickson, zu formulieren. Der Patient setzt sich und schildert seine Situation. Dann entwickelte er einen Behandlungsplan. Erickson suggerierte nur, dass er diesen Plan befolgen werde.
Der Patient hatte seine Lösung gefunden, weil Erickson ihm den Rahmen dafür gab. Erickson hatte Raum geschaffen und gewartet.
Ähnliches entsteht auch in vielen ordeals. Neben all den metakommunikativen Ebenen und den paradoxen Symptomverschreibungen entsteht ein erwartungsvoller Raum. Es ist still, wenn man früh morgens einen Berg erklimmt, wenn man eine ganze Nacht den Boden bohnert oder im botanischen Garten stundenlang einen Kaktus betrachtet (Rosen, 1991).
Diese Räume sind durch Erwartung und Technik gerahmt. Diese Erwartung gibt jedoch so wenig wie möglich vor. Die Intervention ist – zumindest für eine Weile – die Nicht-Intervention. Less is more.
Der französische Hypnotherapeut Francois Roustang hat das Warten zum Kern seiner Arbeit gemacht (Roustang, 2008). Für ihn ist Warten ein aufmerksames Zuhören, das sich nicht im Gegenstand des Besprochenen verliert, sondern in paradoxer Weise anwesend und abwesend ist. Im Warten kann ein Mensch ganz bei sich sein. Die Probleme werden zum Brodeln der Oberfläche, unter der sich in der Tiefe und in der Ruhe Neues formieren kann.
Ich habe eine Klientin, die vor ein paar Monaten mit verschiedensten Problemen zu mir gekommen war: Ängste, psychosomatische und depressive Symptome. Ihre Situation hatte sich seitdem deutlich gebessert.
In der Folge war ein neues Anliegen in den Vordergrund gerückt. Die Patientin ist Schauspielerin und ihr fiel es schwer, in einer Rolle zu bleiben. Ich versuchte einiges an Interventionen und Techniken, Teilearbeit, Embodiment-Techniken – leider erfolglos.
Wenn viel nicht hilft, dachte ich schließlich, hilft vielleicht wenig.
Mit Trance war sie bereits sehr vertraut. So sagte ich ihr schließlich: Bitte gehen Sie auf ihre Art in Trance und suchen Sie eine Situation, in der Ihr Problem nicht auftritt. Finden Sie heraus, was Sie dazu befähigt hat. Sie ging in Trance. Ihre Hand levitierte. Sie schwieg. Ich wartete. 25 Minuten vergingen.
Schließlich begann sie, sich zu bewegen und kam aus der Trance zurück. Sie hatte ihre Lösung gefunden.
Das Problem verbesserte sich in den folgenden Wochen deutlich.
Warten ist anspruchsvoll. Es juckt in den Fingern. Man möchte etwas tun, vorschlagen, intervenieren. Man fragt sich, ob da, in der Stille, das Richtige geschieht.
Manfred Prior hat daher einmal vom systemischen Schweigen erster und zweiter Ordnung gesprochen. Praktiziert man systemisches Schweigen erster Ordnung, verspürt man noch immer den Druck, irgendetwas machen zu müssen, den Interventionsimperativ, den man unterdrücken muss.
Praktiziert man systemisches Schweigen zweiter Ordnung, wartet man gelassen auf das, was kommen wird. Man vertraut, würde ein Systemiker sagen, auf die Autopoiesis des Lebens. Das Wesentliche entsteht im Schweigen. Das Wesentliche entsteht, wenn man nicht der Verführung des Denkens an lineare Machbarkeit verfällt (Bateson, 1981). Weniger ist häufig mehr.
Werden Techniken so überflüssig oder gar falsch?
Sicher nicht. Es wäre sicher falsch, sich wieder ausschließlich der Askese des Schweigens zu widmen. Techniken und Modelle entfalten ihre Wirksamkeit über die alternativen Sichtweisen, die sie anbieten, die Struktur, die sie in der Haltlosigkeit bieten. Hier gilt „less is a bore“.
Warten ist nicht immer angebracht. Erickson selbst weist darauf hin, dass die produktive Nutzung des Schweigens viele Ressourcen voraussetzt. Sind diese jedoch gegeben, heißt es warten lernen. Less is more.

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Referenzen:
Bateson, G. (1981). Krankheiten der Erkenntnistheorie. Ökologie des Geistes: Anthropologische, psychologische, biologische und epistemologische Perspektiven (S. 614–626). Frankfurt a.M.: Suhrkamp.
Haley, J. (1981). The contribution to therapy of Milton H. Erickson. Reflections on therapy and other essays (S. 151–173). Washington D.C.: Family Therapy Institute.
Erickson, M. H. (2008). The Burden of responsibilty in effective psychotherapy. In E.L. Rossi, R. Erickson-Klein & K.L. Rossi (Hrsg.), The collected works of Milton H. Erickson. Volume 3. Opening the mind: Innovative Psychotherapy (S. 67–72). Phoenix, Ariz.: Milton H. Erickson Foundation.
Loos, A. (1962). Ornament und Verbrechen. Sämtliche Schriften 1897-1930 (S. 276–288). Wien & München: Herold.
Rosen, S. (1991). My Voice will go with you. Teaching Tales of Milton H. Erickson. New York: W W Norton & Co Ltd.
Roustang, F. (2008). Savoir attendre: pour que la vie change (Poches Odile Jacob). Paris: O. Jacob.


