Nr. 59
Kurzgeschichte - Unkaputtbar
Artikel von

Kerstin Graf
Neulich ging ich am Strand entlang. Der Hund im Schweinsgalopp voraus. So wie mein Blick, der weit hinausflog, schaukelnd auf den tobenden Wellen. Bis er den Strand streifte. Und eine Flasche erkannte. Eine Flasche, wie man sie in Filmen sieht, aber nie in der Wirklichkeit – mit zusammengerolltem Papier darin. Korken obendrauf. Nun, ich fand eine. Und ich las sie:
Lieber Frosch,
ich darf Dir nicht sagen, was ich gerne sagen würde. Wenn ich mit dem Thema anfange, dann fängst Du sofort damit an, dieses harte Gesicht um Deinen Mund herum zu bekommen. Weil es aber aus mir hinausmuss, schreibe ich es nun dem Meer:
Ich kannte Dich schon als Kind. Sehr gut sogar. Rosa war blöd – Schmutz auf den Latzhosen war Freiheit. Wenn wieder einmal die Läuseplage-Welle durch den Kindergarten rollte, dann wurde Dein hellblondes Haar einfach abrasiert – keine Zeit für das stundenlange Kämmen mit dem Läusekamm. Dass die Lebenszeit kostbar ist, wusstest Du, so kam es mir manchmal vor – schon als Kind. Oder war es einfach dieses ungebändigte Gefühl in Dir, wenn all das, was getan werden wollte, getan werden muss, bevor es wieder Abend werden würde?
Was sich mit dem Bobby-Car in der Kurve eines Hanges bereits angekündigt und diese winzige, fast unsichtbare Narbe über Deinem linken Auge hinterlassen hatte, setzte sich unbeirrt fort, als Du des Radfahrens mächtig geworden warst. Ich erinnere mich an den markerschütternden Schreck in mir, als ich eines Tages im Sommer die riesige, unversorgte Schürfwunde auf Deinem Knie entdeckte. „Och, da bin ich neulich mit dem Rad auf dem Schulweg hingeknallt.“ Ob sich denn niemand gekümmert habe, hatte ich gefragt. Deine kleinen Schultern zuckten, während Du beschriebst, wie der ganze, große Sturz sofort in Vergessenheit geraten war, als eine rot umrahmte Stinkwanze deinen Weg gekreuzt hatte, genau in dem Augenblick Deiner Zerknittertheit unten auf der dreckigen Straße. Neben Deinem Fahrrad. Eine gigantische Wanze, die dich frech angelinst und Dich aufgefordert hatte: „Komm, wir haben ein Abenteuer.“
Ach, über Dich könnte man so unendlich vieles erzählen – aber kurzum: Du warst einfach ein Mädchen zum Pferdestehlen. Im wahrsten Sinne des Wortes: Ich weiß noch, einmal, als wir uns zum gemeinsamen Langeweilen auf der steinern-gebogenen Brücke über dem winzigen Bachlauf getroffen hatten. Das mitgebrachte Eis am Stiel war schon in uns hineingeschluckt worden, dabei die große dazugelegte Langeweile bereits ausgekostet. Da gingen wir tatsächlich ein Pferd stehlen. Also nicht wirklich stehlen – mehr so wie ausleihen. Ein weißes, kleines und sehr stämmiges Shetland Pony. Eines der braven Reitschulpferde, die hinten auf der Wiese standen. Es kaute mit geschlossenen Augen bedächtig und fast ein wenig wonnig, als wir es mit den mitgebrachten Fingerfarben bemalten. Auf dem hellen Fell schienen die farbigen Sonnen, Regenbögen, Herzen, Blitze und Seegurken (was war das nur mit Deiner Faszination für Seegurken in jener Zeit?), so bunt und kraftvoll – es war eine Pracht!
Fanden die Besitzer des derart verzierten Tieres übrigens nicht! Die Fingerfarbe hatte die folgenden zwölf Reinigungsversuche mit Bravour überstanden. Hei, was konnten wir dafür? Auf der Packung stand „abwaschbar“. Wir flogen aus der Pferdepension zusammen mit unserem eigenen, dort eingemieteten Pferd im hohen Bogen heraus, die Fingerfarben hinterher. Rasch musste eine neue Unterkunft für Stute Fritzi gesucht werden.
Jetzt fragt Ihr Euch bestimmt, warum wir das Kunstwerk nicht unserem eigenen Pferd angedeihen ließen. Nun: Es war tiefbraun. Versuche in einem solchen Fall einmal, ein Farbenleuchten zu zaubern.
Was die neue Heimat für Fritzi betrifft: Wir wurden bald fündig. Wie das mit Pferden in der neuen Umgebung jedoch typischerweise passiert, werden sie nach dem Umziehen erst einmal krank – und sei es nur Trotzes halber. Fritzi wurde richtig schwer krank. Ein halbes Jahr durfte sie nur auf den 12 Quadratmetern ihrer Pferdebox zubringen. Tag für Tag stehend, in einem Sumpf aus Langeweile, Schmerzen und Einsamkeit, während wir uns sorgten, die Freude in Fritzis Augen sei für immer erloschen. Dann, nach endlos dahinsiechenden Tagen und Wochen und Monaten, gab der Tierarzt sein Okay für einen ersten Freigang.
Vor Ungeduld berstend, nahmst Du die Stute am Führstrick und tratst mit ihr ins Freie – ich ein wenig weiter zurück, um das verschwundene Humpeln besser in Augenschein nehmen zu können. Doch der köstliche Duft der wiedergewonnenen Freiheit fuhr wie eine Woge des Willens und des Wollens und der endlosen Freude durch das Pferd. Alles, was es abhielt, in sein neues Leben davon zu galoppieren, waren der Führstrick und Du am anderen Ende. Mit der weggesperrten Kraft der letzten sechs Monate spannte Fritzi sich und suchte sich nun gänzlich von dem verbliebenen Rest Erinnerung an die Gefangenschaft zu befreien. Der Tritt ihrer beiden Hinterhufe ging genau in die Mitte Deiner Brust. Noch während Du in der Luft hingst, wie ein Ball am höchsten Punkt seines hochgeworfenen Fluges, für einen Augenblick scheinbar schwebend, brüllte ich in mein Handy nach dem Notruf – Du ohne Bewusstsein. Aber nur kurz. Bereits als drüben auf der Wiese die Sträucher von den Rotorblättern des landenden Hubschraubers verwirbelt wurden, öffnetest Du Deine Augen und sagtest, sehr sehr leise und mit sehr sehr viel Stolz in der Brust, die unter einem immer größer werdenden Hämatom ein wenig schwerer atmete als sonst und mit fest geschlossener Hand: „Schau, ich habe den Strick nicht losgelassen!“ Als meine erstickten Tränen die Sorge um Dich erzählten, fügtest Du, und nun ganz klar und laut, noch hinzu: „Keine Angst. Ich bin doch unkaputtbar.“

Foto von Jana Malenová
Ach, Geschichten dieser Art gäbe es über Dich noch wie Sand am Meer. Einmal, kurz vor Deinem sechzehnten Geburtstag, sagtest Du zu mir, dass Deine Kindheit von solch exzellenter Güte – ja wirklich, so drücktest Du Dich aus – gewesen sei und Du nicht die geringste Lust auf das Erwachsenwerden verspürest.
Doch Du wurdest erwachsen. Und während das geschah, trat Deine innere Schönheit auch nach außen. Aber so was von! Wenn wir uns heute treffen, um durch die Straßen von Hamburg zu flanieren, dann ist die Luft stets angefüllt mit Blicken, die sich auf Dich richten. Voller Töne aus Mündern von Männern, die den Eindruck vermitteln, sie hätten ein Zungenproblem oder einen Riss in der Lippe. Stets ist da dieses Flüstern hinter Dir: „Ey die is bestimmt ‘n Modl, was!“. Dann drehst Du Dich um und schnauzt mit Bitchblick und Latzhosengefühl: „Das hör ich aber auch erst, seit ich zwanzig Kilo abgenommen hab!“
Letztes Jahr, als Du auf dem Heimweg warst, da dachte einer, dass Deine Schönheit auch ihm gehört. Dann hat er sie sich genommen. Deine Schönheit. Für einen unendlichen Augenblick lang.
Doch Du hast um sie gekämpft – und manchmal musst Du das noch.
Heute sitze ich hier. Mit den anderen Zuschauern. Wir feuern Eure Mannschaft an. Nur noch zwei Ballwechsel zu spielen. Du schnellst hoch – so hoch – wie damals Dein Pferdchen, kurz vor dem Freisein. Dein Körper gespannt, als wärst Du Davids Steinschleuder höchstpersönlich. Der Arm zurück. Auf den Ball wartend, für einen Moment. Dann der Schlag – alles für die Mannschaft – scheiß auf die aufgeschürften Knie. Jubel. Spiel aus. Als ich später Deine blauen Flecke an den Beinen mit ein wenig Sorge in den Augen erblicke, sagst Du nur: „Ach Mama, ich bin doch unkaputtbar!“

Foto von Yaroslav Shuraev

