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Vereinszeitung der Milton Erickson Gesellschaft

 Nr. 59

Unter der Lupe: Gefühle, Fakten und Finanzen – ein Fallbeispiel zur Illustration des ersten Leitsatzes schwäbischer Psychotherapie

Artikel von

Dr. Manfred Prior 

Ein geglücktes Leben mit einem guten Plan fürs Alter


Frau M. kann eigentlich so schnell nichts aus der Ruhe bringen. Die gestandene Mutter zweier erwachsener Kinder ist zusammen mit ihrem Ehemann seit zwei Jahren in Rente und kann auf ein überwiegend glückliches Leben zurückschauen. Auch ihre Zukunft ist gesichert.


Dabei war ihr Start nicht leicht. Der Vater hatte in den Nachkriegswirren das elterliche Geschäft verloren und war mit einem neuen Geschäft bankrott gegangen. So hatte Frau M. in ihrer Kindheit und Jugend zu Hause stets finanzielle Knappheit erlebt. Sie musste sich ihr Studium selbst finanzieren und immer wieder ihren Vater mit Geldzuwendungen unterstützen.


Ihre Kinder waren noch klein, als sie wieder anfing zu arbeiten. Später hat sie zusammen mit ihrem Mann alles Ersparte in den Kauf eines Reihenhauses gesteckt, das für eine vierköpfige Familie ausreichend Platz bot und sehr schön am Rande eines Parks gelegen war. Dieses Haus wurde über die Jahre modernisiert, energetisch saniert, und mit viel Liebe eingerichtet („Sie sollten mal unser wunderschönes Jugendstilschlafzimmer im Souterrain sehen – (m)ein Traum!“).

Foto von Roman Biernacki


Mittlerweile sind die Kinder erwachsen. Die Tochter wohnt seit ihrer Scheidung vom Ehemann als alleinerziehende Mutter mit ihrem Sohn in dem früher zu dritt bewohnten und für zwei Personen etwas zu großen Haus in einem hübschen Frankfurter Vorort. Einmal in der Woche genießen es Frau M. und ihr Mann, dort als Großeltern für ihren Enkel da zu sein.


Frau M.s Sohn wohnt mit Ehefrau und zwei Kindern eine halbe Stunde entfernt in einer sehr schönen großzügigen Altbauwohnung und verdient viel Geld. Auch zu ihm und dessen Ehefrau hat sie eine gute Beziehung. Sohn und Schwiegertochter freuen sich, dass Frau M. und ihr Mann dort zweimal pro Woche einen halben Tag mit den beiden Enkelkindern eine gute Zeit verbringen.


Frau M. fühlt sich mit ihrem Mann über die Jahrzehnte des im Großen und Ganzen glücklichen gemeinsamen Lebens sehr verbunden, beide teilen die Freude am Zusammensein mit den Familien ihrer Kinder und viele Gemeinsamkeiten, die sie sonst noch haben: die Vorliebe fürs Wandern, die Freude am gemeinsamen Leben im eigenen so schön eingerichteten Haus, die gemeinsamen Freunde.


Auch die Pläne für die Zukunft sind klar: Mit ihrem Mann ist sie sich einig darüber, dass sie, wenn beide nicht mehr können, das Haus verkaufen, um in die Pflegeeinrichtung der nahegelegenen Seniorenresidenz zu ziehen. Die Kosten dafür sollten mit dem Erlös des Hausverkaufs und dem bis dahin weiterhin Ersparten bestritten werden. Ihr Mann, der sich immer gut und verlässlich um die Finanzen gekümmert hat, sagt, dass es bis ans Lebensende reicht. 


Aber dann kommt die Katastrophe …


Ein bisher nie dagewesener Starkregen hat die Kanalisation überlastet, die Bodenabdichtung ihres Hauses überwunden und im Untergeschoss schwere Wasserschäden angerichtet. Durch den Klimawandel muss damit gerechnet werden, dass solche bisher nicht aufgetretenen Überschwemmungen durch Starkregen immer wieder in das Untergeschoss des Hauses eindringen. Darum fürchtet Frau M., dass das zur Alterssicherung vorgesehen Eigenheim zu einem viel geringeren Preis als bisher gedacht oder gar nicht mehr verkauft werden kann. Wer will schon ein Haus besitzen, in dem man nicht vor Starkregen geschützt ist? - fragt sie sich.

Foto von Jakub Zerdzicki

Dies alles hat ihr Grundgefühl von Zukunftssicherheit „total erschüttert“. Nachts wacht sie immer wieder in Panik auf und kann vor Sorgen nicht mehr einschlafen. Ihr Mann versucht sie zu beruhigen und behauptet unerschütterlich, dass ihre Zukunft gesichert sei. Frau M. kann ihrem Mann jedoch nicht glauben, weil der in Finanzdingen „grundsätzlich immer bagatellisiert“. Er habe überhaupt kein Verständnis für ihre diesbezüglichen Panikgefühle und seine stoische Gelassenheit helfe ihr überhaupt nicht, weil alles, was er sage, davon motiviert sei, dass er sie beruhigen wolle. So gut sie sich mit ihrem Mann verstehe und so glücklich sie mit ihm und ihrem Zusammenleben sei – über Finanzdinge könne sie mit ihm nicht gut reden. Sie sei andererseits froh darüber, dass er sich da um alles kümmere.


Weil sie ihre Angst- und Panikgefühle überhaupt nicht in den Griff bekomme, habe sie vor 3 Wochen den Termin mit mir vereinbart.


Der Beratungstermin - zuerst die Gefühle...


Zum Termin kommt Frau M. eine halbe Stunde zu spät und steht bei ihrer Ankunft völlig aufgelöst in der Tür. Kurz bevor sie von zu Hause losfahren wollte, war die Nachricht gekommen, dass die Versicherung es ablehnt, die Kosten für die Behebung des Wasserschadens zu übernehmen.


Nach und nach gelingt es mir, zu verstehen, was sie mir als Geschichte ihres Lebens erzählt, und was ich oben zusammengefasst habe.


In dem Maße, wie ich verstehe, dass sie mit diesem Wasserschaden gefühlt „alles verloren“ hat, „was uns (Zukunfts-)Sicherheit gegeben hat“, beruhigt sie sich etwas und wiederholt: „Mein Mann versteht mich in dieser Hinsicht überhaupt nicht, der sagt immer nur, dass ich mir keine Sorgen zu machen brauche, aber das hilft mir in Bezug auf meine Panik überhaupt nicht weiter.“

Foto von T Leish

Dann die Fakten…


Ich frage, wie teuer es im schlimmsten möglichen Fall wäre, das Haus gegen mögliche künftige Wasserschäden durch Starkregen abzusichern. Sie habe von so etwas „keine Ahnung“ und fürchte, dass das gar nicht möglich ist. Ihr Mann sage, dass eine Abdichtung bei ihrem Reihenhaus nur in gemeinsamer Aktion mit den Nachbarn machbar wäre und zwischen 50.000 und 80.000 Euro kosten würde.


Als ich mich für den Wert ihres Hauses interessiere, sagt sie, auch diesen kenne sie nicht. Vor mehr als 20 Jahren hätten sie und ihr Ehemann beim Kauf 400.000 Euro bezahlt und dafür einen Kredit aufgenommen. Dieser sei inzwischen längst abbezahlt. Einer ihrer Nachbarn biete oft lachend an: „Ich geb‘ Euch eine Million, wenn ihr mal auszieht …“, aber der meine das ja nicht ernst.


Ich beharre darauf, dass wir gemeinsam eine realistische Vorstellung vom Wert ihres Hauses entwickeln. Nach einigem Überlegen kommen wir zu dem für sie erstaunlichen Schluss, dass das Reihenhaus am Park in der für betuchte Frankfurter attraktiven Kleinstadt am Taunusrand mit S-Bahn-Verbindung tatsächlich mindestens eine Million Euro wert ist. Scherzhaft behaupte ich, dass sie mit ihrem Mann zusammen ja eigentlich Millionärin sei. Sie ist irritiert: so habe sie sich selbst noch nie gesehen.


Dann frage ich, wie lange sie maximal die Kosten für die Seniorenresidenz aufbringen müssten, wenn sie altersbedingt nicht mehr in ihrem Reihenhaus leben können. Frau M. sagt, dass sie und ihr Mann dorthin so spät wie möglich umziehen wollen, um dort vielleicht noch fünf bis sieben Jahre lang zu leben.


Ich schlage vor, sicherheitshalber von zehn Jahren Pflegeheim auszugehen. Sie veranschlagt für beide monatliche Pflegekosten in Höhe von 6.000 bis 7.000 Euro. Ich rechne mit ihr aus, dass bei monatlichen Kosten in Höhe von 7.000 Euro pro Jahr 84.000 Euro und für zehn Jahre 840.000 Euro Pflegekosten auf sie zukämen. Wir gelangen zu dem Schluss, dass auch dann, wenn die Kosten für Pflege weiter steigen, der Erlös des Hausverkaufs die erforderlichen Pflegekosten deckt, da die erlöste Million Euro ja auch Zinsen und Rendite abwirft. Und es gibt die Pflegeversicherung, die wir noch gar nicht berücksichtigt haben.


Von diesen Zahlen ist sie sichtlich irritiert.


Recht leise artikuliert sie, was beim Kauf des Hauses außerdem noch mitgeschwungen habe: „Das Haus sollte ja auch mal für die Kinder sein.“


Unsere Überprüfung ergibt:


Die Tochter ist zur Hälfte Besitzerin des Hauses, in dem sie wohnt. Sie hat klar gesagt, dass sie das elterliche Haus nicht will, weil sie mit ihrem eigenen mehr als zufrieden ist. Im Zuge der Scheidung konnte sie sich ein lebenslanges Wohnrecht sichern.


Der Sohn ist überzeugter Mieter. Er will langfristig in seiner schönen Altbauwohnung wegen der für ihn so attraktiven Umgebung und den netten Nachbarn wohnen bleiben. Sollte der bisherige Besitzer sterben, könnte er es sich ohne weiteres leisten, die Wohnung zu kaufen. Zudem hat seine Frau wieder angefangen zu arbeiten und verdient gut dazu.


Nachdenklich kommt Frau M. zu dem Schluss: „Die wollen beide das Haus wirklich nicht.“
Einerseits ist Frau M. erleichtert, andererseits empfindet sie an dieser Stelle unseres Gesprächs deutliche Besorgnis um ihren Ehemann. Er sei durch die Fürsorge für seine Schwester sehr in Anspruch genommen, die schwer an Krebs erkrankt ist, keine Kinder hat, und sehr wahrscheinlich bald sterben wird. Er sei derjenige, der sich um das Haus kümmert, das seine Schwester bewohnt und mit ihm zusammen besitzt.


Auf mein Nachfragen erfahre ich, dass dieses Haus am Stadtrand von Frankfurt liegt und aus vier Wohneinheiten besteht. Als Gesamtwert dieses Hauses kommen wir auf eine Summe von anderthalb bis drei Millionen Euro. Nach dem Ableben seiner Schwester wird er deren Hälfte erben und alleiniger Besitzer dieses Hauses sein.


Frau M. und ihr Mann sind also spätestens nach dem Ableben von dessen Schwester tatsächlich mehrfache Millionäre.


Diese Erkenntnis führte Frau M. nach nur einer halben Stunde interessierten Nachfragens und finanziellen Faktenchecks zu der sie beruhigenden Gewissheit: „Unsere Zukunft ist gesichert.“


Da Frau M. mit der dramatischen Veränderung ihres grundlegenden Lebensgefühls am Ende unseres Gesprächs innerlich noch sehr beschäftigt war, gab ich ihr meinen Notizzettel mit den groben Kennzahlen zur Überprüfung durch ihren Ehemann mit. Der korrigierte später einige Zahlen nach oben, da es u.a. auch noch die Ersparnisse und die Lebensversicherungen mit zu berücksichtigen galt.

 

Der erste Leitsatz schwäbischer Psychotherapie lautet übrigens: 


Willst du Gefühle gut verstehen, so schau genau auf finanzielle Fakten.


Denn: 


(Grund-)Gefühle sind meistens auch geprägt von realistischen oder falschen Vorstellungen von finanziellen Fakten.


Im obigen Fall waren die finanziellen Fakten viel beruhigender als die davon zunächst unberührten Angst- und Verzweiflungsgefühle hätten vermuten lassen. 


Oft führt der finanzielle Faktencheck jedoch auch zu einem anderen Ergebnis: Wegen der ungleichen Einkommens- und Besitzverteilung in unserem Land spiegeln Angst und Verzweiflung häufig eine objektiv belastende finanzielle Situation wider.


Dann lassen sich Angst und Verzweiflung nicht in 30 Minuten mit einem finanziellen Faktencheck auflösen. Nicht selten erlebe ich aber Klient:innen, die trotz klar erkannter deprimierender finanzieller Ausgangssituation eine bewundernswert positive Grundstimmung haben.

Foto von Mike van Schoonderwalt