MEGaPhon

Vereinszeitung der Milton Erickson Gesellschaft

 Nr. 59

Totem und Tabu by Max Ernst, 1941

Artikel von

Betty Niederauer

Sonntagmittag im Museum. Bei der Führung „Der Expressionismus - Farbe und Form“ fällt mir ein Bild ins Auge, das mich fortan beschäftigt, nicht loslässt und mir immer wieder in den Sinn kommt. Die Tourguidin erklärt nicht genug dazu oder ich höre es nicht, denn ich stolpere darüber, dass sie sagt: „Der Schweizer Künstler Max Ernst …“ Echt jetzt? Ich hatte ihn bisher immer in Deutschland verortet. Habs später geklärt, stimmt auch, geboren in Brühl, in der Nähe von Köln, starb mit drei Pässen: deutsch, französisch, US-amerikanisch. Nix Schweiz. Egal, das Bild gefällt mir, hat was Morbides und bringt meine Gedanken und Assoziationen zum Schwingen. Ich denke an das Wenige, was ich über Max Ernst weißSurreale Collagen, mal bunt, mal monochromder Loplop und Dadaismus. Ich denke an die Technik der Grattage, die Max Ernst half intuitive Malwelten zu etablierenIch denke an den Titel, stolpere dabei über Sigmund Freud und grüble über die Wortherkunft und den zeitlichen Entstehungskontext. Ich denke an den Künstler selbst, sein Werden und Leben, suche nach der Bildbedeutung und denke zuletzt an das diesjährige Schwerpunktthema des MEGaPhons.

Foto von Betty Niederauer

Das Bild

Zu sehen: ein Landschaftsbild mit wenig Tiefenwirkung, alles passiert vorne. Im Vorder- und Hintergrund Wald, der windschiefen, vermoderten Gartenzäunen ähnelt, dunkel und monochrom gehalten, vorherrschend Grün- und Brauntöne vor blaugrauem Himmel. In der Ferne wird der Himmel heller. Aufgereihte Totholz-Bäume mit wenig naturalistisch anmutender Vegetation, verrottete Balken kreuz und queeeer. Nicht behütend, sondern düster und bedrohlich, wie ein Wald für tief-im-Wald-Stehende manchmal wirkt. Das Blätterdach im Hintergrund (in der Vergangenheit?) dagegen schon heimeliger, an Erwartbarkeit angelehnt mit einer blassroten Sonne darüber. Bei näherer Betrachtung der Bäume vorne werden Details erkennbar, viele Details. Gesichter, eine Frauengestalt nackt und Vögel. Immer wieder Vögel. Ein Greifvogel auf einem Pfahl oder sind es zwei? Darunter der obere Teil eines Portraits mit Flügel dort, wo sonst die Ohren sind. Ist es eine Maske? Die anderen Vögel, und es sind vornehmlich drei große, die Köpfe gesenkt, wirken seltsam verdorrt, wie mumifiziert. Der bekannteste „Vogelmensch“, als Alter Ego von Max Ernst interpretiert, wird von ihm Loplop genannt, auch „oberster Vogel“. Loplop taucht ab den 1930er Jahren in seinen Werken auf, und fungiert als sein „vertrautes Tier“. Oftmals wirkt er wenig vertraut, vielmehr außerweltlich bis hin zu alptraumhaft. Auch hier im Holz Zeichnungen, die wie Höhlenmalereien aus prähistorischer Zeit anmuten. Diese Finessen werden erzeugt durch assoziative Maltechniken, die Ernst neben der Collage häufig einsetzte und die mit ihm verbunden werden. Deshalb Exkurs zur …

Technik

Frottage und Grattage nennen sich diese kreativen Maltechniken, die vor allem im Surrealismus beliebt waren, um zufällige, psychodelische Muster zu erzeugen, die als Inspiration für das Darzustellende dienen – ähnlich wie man beim Betrachten von Holzmaserung und Wolken oft Gesichter, Tiere oder andere Strukturen zu sehen meint. Bei der Frottage legt man dazu Papier auf eine strukturierte Oberfläche (zum Beispiel Holz oder Blätter) und reibt mit einem Stift darüber. So entsteht das Muster auf dem Papier. Grattage funktioniert anders: Hier werden mehrere Farbschichten aufgetragen, angetrocknet und dann teilweise über Strukturen gelegt und weggekratzt, sodass die unteren Schichten sichtbar werden. Ein Blick ins Un(ter)bewusste? Exkurs Ende.

Der Titel

Totem und Tabu. Die Etymologie von „Totem“ stammt aus den Algonkin-Sprachen Nordamerikas (vermutlich Ojibwe - indigene Ethnie des heutigen östlichen Kanadas) von odoodeman, was „seine Sippe/Familie“ oder „sein Familienabzeichen“ bedeutet. Das Wort beschreibt ursprünglich ein Tier, eine Pflanze oder ein Naturphänomen, das als mythischer Ahne eines Menschen oder einer Gruppe verehrt wird, nicht verletzt werden darf und in bildlich-symbolischer Form als Stammeszeichen bzw. Familienwappen geführt wird. Das Wort wurde Ende des 18. Jahrhunderts ins Englische und später ins Deutsche übernommen und wurde in der Ethnologie zum Fachbegriff für ein geheiligtes Sinnbild. In populärer Literatur wird häufig verallgemeinernd jegliche Verbindung indigener Völker zu Tieren mit der Bezeichnung „Totem“ benannt. Bekannt sind hier die so genannten „Totempfähle“ der Nordwestküstenkultur Nordamerikas, die jedoch keine religiöse Bedeutung haben, sondern lediglich Denkmalcharakter.

Winnetou und Verhörer wie der weiße Neger Wumbaba (eignetlich: der weiße Nebel wunderbar) lassen grüßen. Als Kind und auch noch einige Zeit danach dachte ich immer, das hieße Totenpfähle“, weil da die gefangenen Feinde drangebunden werden bis sie tot sind. Ähnlich wie Jesus am Kreuz.

Detail-Foto von Betty Niederauer

Das Wort „Tabu“ stammt aus dem Polynesischen und geht auf den Begriff tapu zurück, was so viel wie „besonders gekennzeichnet“ oder „heilig und unantastbar“ bedeutet. Ursprünglich bezeichnete es in den Südsee-Kulturen, etwa bei den Maori oder auf Tonga, Dinge, Orte oder Handlungen, die von Priestern oder Herrschern verboten oder geschützt wurden. Der britische Seefahrer James Cook brachte den Begriff 1777 nach Europa. Dort wandelte sich seine Bedeutung: Aus einer religiösen Meidungsvorschrift wurde ein allgemeines gesellschaftliches oder sprachliches Verbot. Heute beschreibt „Tabu“ in Soziologie und Psychologie tief verankerte gesellschaftliche Verbote oder Schweigegebote. Sie werden meist nicht durch Gesetze, sondern durch Reaktionen wie Scham, Ekel oder soziale Ausgrenzung aufrechterhalten.

„Totem und Tabu“ ist auch der Titel einer Schrift von Sigmund Freud aus dem Jahr 1913 mit dem Untertitel „Einige Übereinstimmungen im Seelenleben der Wilden und der Neurotiker“, die aus vier Essays besteht. Freud versucht in diesen Aufsätzen, Fragen der damals postulierten Volksseele, der Völkerpsychologie, mithilfe der Psychoanalyse zu erklären. Primitive Gesellschaften betrachtet er als frühe Entwicklungsstufe der Menschheit, die den frühen Entwicklungsphasen des Individuums ähneln. Deshalb deutet er Totemismus, Exogamie, Tabu und Magie anhand der kindlichen psychischen Entwicklung: Exogamie gehe auf inzestuöse Beziehungen zurück, Tabus beruhten auf dem Spannungsverhältnis von Verbot und Wunsch, Magie auf der narzisstischen Überbewertung eigener Gedanken. Totemismus und Exogamie führten beide auf die ambivalente Beziehung zum Vater zurück. Typisch Freud, könnte mensch sagen; man kann, aber muss es nicht mögen. Relevant allerdings erscheint mir, dass Max Ernst sich bei der Titelwahl dieses Bildwerkes auf Freuds Schriftwerk bezieht, denn zwischen 1910 und 1914 studierte er in Bonn neben Kunstgeschichte unter anderem Psychologie (!) und kam somit sicher in Kontakt mit der Lehre des Begründers der Psychoanalyse, was uns zum Leben des Künstlers führt.

Der Mensch

Detail-Foto von Betty Niederauer

Max Ernst hatte eine schwierige Beziehung zum Vater, dem er zwar seinen frühen Zugang zur Malerei verdankt, der aber als Laienmaler stets christliche Motive wählte und den künstlerischen Werdegang seines Sohnes – Dada-, Expression- und Surrealist der ersten Stunde – weder verstand noch guthieß. Im ersten Weltkrieg war Max Ernst als Soldat in Frankreich und Polen. Dabei festigte sich seine Einstellung zum Krieg: Eine große Schweinerei. So bezeichnete er sich auch nach Kriegsende als zum zweiten Mal geboren. Er war viermal verheiratet und hatte einige Affären. Seine Frauen waren Künstlerinnen, Kunstmäzeninnen oder Kunsthistorikerinnen. Als er im Laufe der Zeit älter wurde, traf das in der Regel nicht auf seine Frauen zu. Die letzte Ehe hielt dann 30 Jahre bis zu seinem Tod. In Deutschland lebte Max Ernst nach Ende des großen Krieges nur noch für kurze Zeit, 1922 übersiedelte er nach Frankreich, wo der Großteil seines umfassenden künstlerischen Werkes entstand. Bis die Nazis, euphemistisch ausgedrückt, alles durcheinanderbrachten und umkehrten.

Die Zeit

Europa: Der Winter 1941 brachte eine entscheidende Wende im Zweiten Weltkrieg, das Unternehmen Barbarossa mit dem Vormarsch auf Moskau scheiterte, Deutschland erklärte den USA den Krieg und transformierte damit selbigen endgültig von einem europäischen Konflikt zu einem weltweiten Vernichtungskrieg. Im gleichen Jahr emigrierte der deutsche Maler und „entartete“ Künstler Max Ernst nach seiner Flucht aus der Internierung durch die Gestapo aus dem besetzten Frankreich in die USA, wo sein Exil begann. Im gleichen Jahr entstand sein Bild „Totem und Tabu“.

Die Interpretation

Das Werk gilt als Max Ernsts Hommage an Freuds Psychoanalyse, was aber auch für den Surrealismus insgesamt gelten kann. Der Künstler übersetzt unbewusste Triebe, Ängste und innere Konflikte in surreale Bildwelten. Die archaischen, maskenhaften Formen erinnern an Totems oder mythische Wesen und verweisen auf die instinktivhaften Seiten des Menschen. Die ineinander verschlungenen Figuren greifen zudem Sigmund Freuds Idee von Totem und Tabu auf – den Konflikt zwischen verdrängtem Begehren und gesellschaftlichen Verboten. Auffällig ist zudem die Darstellung der Vögel, die verwelkt, zerfallen und leblos erscheinen. Dies kann als Spiegel der zerstörerischen und menschenverachtenden Erfahrungen des Nationalsozialismus verstanden werden, die Ernsts Kunst nachhaltig prägten.

Heute kann man in der Pinakothek der Moderne in München bestaunen, wo das Bild als eines der faszinierendsten Beispiele des psychologischen Surrealismus gilt.

Mich hat es schwer beeindruckt und dazu bewegt, einiges nachzulesen. Was ein Museumsbesuch so alles bewirken kann!

Foto von Bunny Rokk