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Vereinszeitung der Milton Erickson Gesellschaft

 Nr. 59

Das Gehirn verändern, um Veränderung zu ermöglichen


Artikel von

Dr. Christian Schwegler

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Neurophysiologische Grundlagen wirksamer Hypnotherapie

Das menschliche Gehirn wird in der gängigen Vorstellung als Denkorgan verstanden. Wir gehen davon aus, dass es in erster Linie dazu da ist, Probleme zu lösen, Entscheidungen zu treffen oder die Welt möglichst objektiv abzubilden. Moderne neurowissenschaftliche Ansätze zeichnen jedoch ein deutlich anderes Bild. Insbesondere die Arbeiten von Lisa Feldman Barrett, einer der einflussreichsten Neurowissenschaftlerinnen der Gegenwart und Begründerin der Theorie der konstruierten Emotion, legen nahe, dass die primäre Funktion des Gehirns eine wesentlich grundlegendere ist: Es sorgt dafür, dass der Körper unter wechselnden Bedingungen möglichst energieeffizient am Leben bleibt.¹ ²

Aus dieser Perspektive erscheinen mentale Prozesse in einem neuen Licht. Wahrnehmung, Denken, Emotion und Verhalten sind keine isolierten Funktionen, sondern Bestandteile eines umfassenden Regulationssystems. Das Gehirn verwaltet gewissermaßen ein Energiebudget und trifft fortlaufend Vorhersagen darüber, was als Nächstes passieren wird, um den Organismus optimal darauf vorzubereiten. Diese vorausschauende Regulation – Allostase – ist deutlich effizienter als ein rein reaktives System. Bereits im Alltag lässt sich beobachten, dass der Körper auf erwartete Anforderungen vorbereitet wird, noch bevor sie eintreten. So steigen zum Beispiel vor einem wichtigen Gespräch die Herzfrequenz und die Muskelspannung, bevor überhaupt ein Wort gesprochen wird.

Foto von Tara Winstead

Wahrnehmung als Vorhersageprozess

Diese grundlegende Arbeitsweise hat weitreichende Konsequenzen für unser Verständnis von Wahrnehmung. Das Gehirn verarbeitet nicht permanent alle eingehenden Informationen vollständig neu. Stattdessen arbeitet es mit internen Modellen, die kontinuierlich aktualisiert werden. Sensorische Informationen dienen dabei in erster Linie der Korrektur dieser Modelle. Interessanterweise arbeiten Streaminganbieter wie YouTube nach einem vergleichbaren Prinzip. Es wird nicht jedes einzelne Bild vollständig neu übertragen, sondern vor allem die Differenz zum vorherigen Bild kodiert. Auf diese Weise lässt sich die Datenmenge erheblich reduzieren und die Verarbeitung effizient gestalten. Auch das Gehirn konzentriert sich vor allem auf Abweichungen von seinen Erwartungen. Verarbeitet wird, was nicht ins Modell passt – also das Unerwartete. Wir erleben daher nicht die Welt „wie sie ist“, sondern die bestmögliche Vorhersage unseres Gehirns darüber, was gerade geschieht.

In besonderem Maße gilt diese konstruktive Natur der Wahrnehmung für Emotionen. Studien zeigen hier, dass es sich nicht, wie lange Zeit angenommen, um fest verdrahtete Programme handelt, die automatisch ausgelöst werden. Vielmehr entstehen Emotionen aus der Integration von Körperzuständen, früheren Erfahrungen, situativem Kontext und kulturellen Bedeutungszuschreibungen.¹ Das, was wir als Angst, Trauer oder Freude erleben, ist das Ergebnis eines aktiven Konstruktionsprozesses. Emotionen fungieren dabei als Handlungsanweisungen: Sie organisieren den gesamten Organismus im Hinblick auf eine möglichst effiziente Bewältigung der aktuellen Situation.

Diese Sichtweise verändert auch den Blick auf psychische Symptome grundlegend. Angst, depressive Zustände oder Erschöpfung erscheinen nicht mehr primär als Defekte, sondern als sinnvolle, gelernte Reaktionsmuster. Sie sind Ausdruck von Vorhersagemodellen, die sich in bestimmten Kontexten als nützlich erwiesen haben. Das Gehirn folgt dabei einem einfachen ökonomischen Prinzip: Was einmal funktioniert hat, wird beibehalten – auch dann, wenn sich die äußeren Bedingungen längst verändert haben und das ehemals hilfreiche Muster inzwischen zu Einschränkungen führt.

Lernen und Vorhersagefehler

Veränderung bedeutet in diesem Kontext immer auch Lernen. Und Lernen wiederum bedeutet, bestehende Vorhersagemodelle zu aktualisieren. Hier lassen sich interessante Parallelen zu den Arbeiten von Anders Ericsson ziehen, einem der einflussreichsten Lernforscher der letzten Jahrzehnte, der gezeigt hat, dass nachhaltige Leistungsentwicklung nicht durch bloße Wiederholung entsteht, sondern durch gezielte Auseinandersetzung mit Fehlern und Abweichungen.³ Neurobiologisch entspricht dies dem Prinzip des Vorhersagefehlers: Das Gehirn verändert seine Modelle vor allem dann, wenn Erwartungen nicht eintreffen. Ohne solche Diskrepanzerfahrungen bleibt das System stabil, selbst dann, wenn die bestehenden Muster dysfunktional sind.

Diese Erkenntnis hat unmittelbare therapeutische Konsequenzen. Einsicht allein reicht in der Regel nicht aus, um tief verankerte Muster zu verändern. Notwendig sind neue, erfahrungsbasierte Lernprozesse, die bestehende Erwartungen in Frage stellen. Genau hier setzt Hypnotherapie in besonderer Weise an. Sie ermöglicht es, auf mehreren Ebenen gleichzeitig zu intervenieren – kognitiv, emotional, körperlich und imaginativ – und dadurch wirkungsvolle neue Erfahrungen zu erzeugen, die das Gehirn nicht ignorieren kann.

Foto von Turgay Koca

Psychoneuroimmunologische Perspektive

Ein weiterer wichtiger Aspekt ergibt sich aus der psychoneuroimmunologischen Perspektive, wie sie unter anderem von Christian Schubert, einem der zentralen Vertreter der Psychoneuroimmunologie im deutschsprachigen Raum, vertreten wird. Psychische Prozesse sind untrennbar mit körperlichen Regulationssystemen verbunden. Emotionen gehen mit Veränderungen im autonomen Nervensystem, im Hormonsystem und im Immunsystem einher.

Depression, Burnout oder Angst sind daher nicht nur mentale Phänomene, sondern Ausdruck eines umfassenden, gelernten organismischen Zustandes. Therapeutische Veränderung muss folglich immer auch körperlich erfahrbar sein, um nachhaltig wirksam zu werden.

Vor diesem Hintergrund lässt sich auch die Wirksamkeit hypnotherapeutischer Interventionen neu verstehen. Hypnose ermöglicht es, veränderte Körperzustände zu erzeugen, Aufmerksamkeit gezielt zu lenken, Bedeutungen neu zu konstruieren und Erinnerungen in veränderter Form zugänglich zu machen. Diese gleichzeitige Veränderung mehrerer Ebenen führt zu starken Vorhersagefehlern innerhalb des bestehenden Modells. Das Gehirn erhält gewissermaßen die Rückmeldung, dass seine bisherigen Annahmen nicht mehr vollständig zutreffen, und wird dadurch angeregt, neue, passendere Modelle zu entwickeln.

Anwendung auf typische Störungsbilder und konkrete hypnotherapeutische Vorgehensweisen

Gerade bei Störungsbildern wie Depression, Burnout oder Angststörungen wird dieser Mechanismus besonders deutlich. Depressive Zustände gehen häufig mit rigiden negativen Zukunftserwartungen und einer reduzierten Energieprognose einher. Burnout lässt sich als chronische Dysregulation des Energiebudgets verstehen, bei der Anforderungen und Regeneration nicht mehr in einem stimmigen Verhältnis stehen. Angst wiederum basiert oft auf übergeneralisierten Bedrohungsvorhersagen, die das System in eine dauerhafte Alarmbereitschaft versetzen. In allen Fällen geht es therapeutisch darum, neue Erfahrungen zu ermöglichen, die diese Vorhersagen korrigieren, ohne das System zu überfordern.

Hypnotherapeutische Vorgehensweisen bieten hierfür besonders günstige Bedingungen. Über Tranceinduktion und Entspannungsverfahren wird zunächst körperliches Hyperarousal reduziert und eine Regulation des vegetativen Nervensystems angestoßen. Diese physiologische Beruhigung bildet die Grundlage für weitere therapeutische Schritte. Ressourcenzentrierte Interventionen ermöglichen es, emotionale Stabilität aufzubauen und Patientinnen und Patienten wieder in einen Zustand von Handlungsfähigkeit zu führen. Erst aus einem solchen Zustand heraus können neue Erfahrungen tatsächlich integriert werden.

Darauf aufbauend eröffnen imaginative Verfahren wie Zeitprogressionen oder Stellvertretertechniken die Möglichkeit, alternative Entwicklungen nicht nur gedanklich zu erfassen, sondern unmittelbar zu erleben. Diese Erfahrungen wirken nicht auf der Ebene abstrakter Einsicht, sondern als konkrete, verkörperte Lernerfahrungen. Das Gehirn erhält neue Informationen darüber, was möglich ist, und beginnt, seine bisherigen Modelle entsprechend zu verändern.

In diesem Sinne lässt sich auch ein hypnotherapeutischer Ansatz verstehen, wie er etwa in der „Strukturierten Kurzzeithypnotherapie“ beschrieben wird: Als gezielte Abfolge von Interventionen, die systematisch auf den oben genannten, unterschiedlichen Ebenen des Erlebens ansetzen und so Bedingungen schaffen, unter denen nachhaltiges Lernen im neurobiologischen Sinne möglich wird.

Foto von Merlin Lightpainting

Hypnose als Erfahrungsraum

Hypnotherapie schafft dabei einen besonderen Wirkraum. Durch den Trancezustand und die damit verbundenen Phänomene wird Lernen intensiviert, verdichtet und auf mehreren Ebenen gleichzeitig verankert. Es entstehen reale Lernerfahrungen, die eine tiefgreifende Reorganisation von Wahrnehmung, Bewertung und Selbststeuerung ermöglichen.

Ich arbeite seit über zwanzig Jahren als Hypnotherapeut und habe in dieser Zeit immer wieder erlebt, wie wirksam diese Form der Arbeit sein kann. Lange war dieses Wissen vor allem ein Erfahrungswissen. Die aktuellen Entwicklungen in Neurophysiologie, Psychoneuroimmunologie und Lernforschung ermöglichen uns nun eine neue Form des Verstehens. Sie liefern Modelle, die erklären, warum hypnotherapeutische Interventionen so tiefgreifend wirken können.

Und sie geben Antworten auf zwei Fragen, die viele von uns in der täglichen Arbeit begleiten:
Warum zeigt ein Mensch genau dieses Symptom und wofür ist es gut? Wenn wir beginnen, Symptome als sinnvolle, gelernte Lösungen zu begreifen, verändert sich nicht nur unser therapeutisches Vorgehen, sondern auch unsere Haltung. Aus dem Versuch, etwas zu beseitigen, wird die Einladung, etwas zu verstehen, zu würdigen und schließlich gemeinsam weiterzuentwickeln. Genau darin liegt aus meiner Sicht die eigentliche Stärke moderner Hypnotherapie.

Foto von Tara Winstead

[1]

Barrett, L. F. (2017). How Emotions Are Made: The Secret Life of the Brain. Boston: Houghton Mifflin Harcourt.

[2]

Barrett, L. F. (2020). Seven and a Half Lessons About the Brain. Boston: Houghton Mifflin Harcourt.

[3]

Ericsson, K. A., & Pool, R. (2016). Peak: Secrets from the New Science of Expertise. Boston: Houghton Mifflin Harcourt.

[4]

Schubert, C. (2015). Psychoneuroimmunologie und Psychotherapie. Stuttgart: Schattauer.