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Vereinszeitung der Milton Erickson Gesellschaft

 Nr. 59

Das Paradoxon der operativen Hypnose


Artikel von

Portrait Dorothea Thomaßen

Dr. Dorothea Thomaßen

Dissoziation und Katalepsie sind typische Reaktionen, mit denen Menschen auf Gewaltsituationen reagieren, wenn ein Entrinnen nicht möglich ist. Operative Hypnose setzt diese Reaktionen als Bewältigungsstrategien bei invasiven Eingriffen auf eine Weise ein, dass Belastungsreaktionen vermieden werden. Wie funktioniert das?

Foto von Andrea Piacquadio

Die Ausgangssituation

Bei einer zahnärztlichen Behandlung, einer chirurgischen Wundversorgung oder einer Tumorbestrahlung, aber auch bei mitunter unangenehmen Untersuchungen wie einem MRT oder einer Endoskopie dürfen sich Patienten und Patientinnen für die Dauer der Prozedur nicht bewegen. So zur Passivität verurteilt, beginnen viele, sich ängstlich auf das aktuelle Geschehen zu konzentrieren. Sie wollen mitbekommen, was geschieht, um gegebenenfalls reagieren zu können. Diese Anspannung verstärkt mehrere Mechanismen auf ungünstige Weise, denn je länger Menschen warten müssen, desto stärker wird diese Angst. Das gilt ebenso für die Wartezeit vor dem Eingriff wie für das Ausharren während der Prozedur. Angst wiederum erhöht die Schmerzempfindlichkeit, und wenn ein Reiz einmal als schmerzhaft empfunden wurde, werden meist auch alle weiteren Reize als peinigend wahrgenommen, selbst wenn sie unter anderen Umständen neutral wären. Wird die Situation für die Betroffenen subjektiv unerträglich, werden sie die Behandlung unter- oder sogar abbrechen. Solche negativen Vorerfahrungen prägen dann die Einstellung, mit der die Patienten und Patientinnen weiteren medizinischen Verfahren begegnen. Ist dieser Teufelskreis einmal in Gang gesetzt, ist er nur schwer zu unterbrechen. Es ist einfacher, ihm von Beginn an entgegenzuwirken.

Abspaltung als Bewältigungsstrategie

In bedrohlichen Situationen verfügen Menschen über Dissoziationsmechanismen, die oft mit einer reflektorischen Körperstarre einhergehen, der sogenannten Katalepsie. Sie entspricht dem Totstellreflex (Thanatose), den Tiere aktivieren, wenn sie nicht entkommen können. Indem das verfolgte Tier blitzschnell Atmung und Herzschlag einstellt und völlig erstarrt, vergrößert es die Chance, zu überleben. Kommt es so davon, schüttelt das verfolgte Tier die Spannung aus seinem Körper, sobald es sich sicher fühlt. Sollte es jedoch gefressen werden, hat es sein Schmerzempfinden schon zuvor abgestellt.

Auch Menschen spalten sich bei großer Gefahr oder extremer Angst nicht nur von der äußeren Umgebung, sondern auch vom eigenen Körperempfinden ab. Sie beschreiben das mit Sätzen wie: „Ich war starr vor Angst, mir wurde eiskalt, ich war wie taub, der Atem stockte, mein Herzschlag setzte aus, ich war völlig geschockt und stand irgendwie neben mir.“ Solche Dissoziationen ähneln Nahtoderlebnissen. Betroffene sehen sich dann wie von außen, oft von oben. Währenddessen können sie Lichterlebnisse haben, Helferwesen begegnen, sogar spirituelle Glücksmomente erleben.

Diese Vorstellungen beeinflussen das Befinden stärker als das äußere Geschehen. Tatsächlich kann man sich imaginierend von der Umgebung abkoppeln. Diese Dissoziation ist nicht notwendigerweise an eine traumatische Situation gebunden: Menschen, die in einer hässlichen Umgebung intensiv an Schönes denken, können durch diese inneren Bilder ihre Befindlichkeit stärker formen als es die äußere Realität tut. Auch Langeweile regt zu Tagträumen an. Bei Studien konnte nachgewiesen werden, dass Imaginationen die gleichen Hirnregionen aktivieren wie äußere Stimuli. Das gilt für visuelle wie für auditive oder kinästhetische Reize.

Ebenso tritt die Katalepsie nicht nur in traumatischen Situationen auf. In der Phylogenese von Säugetieren hat sich die sogenannte Tragestarre entwickelt, ein angeborener Reflex. Wenn die Mutter das Junge im Genick fasst, wird es kataleptisch. Es kann so leichter von einem Ort zu einem anderen geschleppt werden, als wenn es sich bewegen, möglicherweise sogar zappeln würde. Auch diese Transport-Response hat eine Schutzfunktion. Bei einer Verfolgung wird das Jungtier nicht nur starr, sondern auch still und verrät nicht durch Laute den Weg, den das Muttertier nimmt. Diese Immobilität wird aber nicht primär in einer traumatischen Situation erfahren, sondern im Kontext von Vertrauen und Fürsorge.

Foto von Leon Aschemann

Katalepsie und positive, angenehme Dissoziationserlebnisse lassen sich auch spontan bei Kindern beobachten. Sie liegen oder sitzen dann unbeweglich und starren an die Wand oder Decke. Im Volksmund nennt man dieses Verhalten auch „ins Narrenkästchen starren“. Als eine Bekannte einmal beobachtete, wie ihre Tochter so dalag, fragte sie: „Was machst du denn gerade?“ Das Mädchen antwortete: „Ich gehe an der Decke spazieren und schaue mir alles von oben an.“ Als die Mutter anerkennend meinte: „Toll, was du alles kannst!“, reagiert das Kind verblüfft: „Wie, kannst du das nicht?“

Ich halte es für möglich, dass die Katalepsie und Dissoziation, die in ausweglosen Situationen auftreten, auf die frühe Erfahrung mütterlicher Fürsorge rekurrieren: Gelingt die Flucht nicht aus eigener Kraft, überlässt man sich höheren Mächten. Ist es nicht erstaunlich, dass während einer Dissoziation bei Gewalterfahrungen zuweilen sogar mystische oder visionäre Erfahrungen gemacht werden? Ist die Notlage überwunden, reden Menschen auch davon, die Gefahr „abzuschütteln“. Manchmal schütteln sie sich tatsächlich, als würden sie aus einem Traum erwachen, ähnlich wie Tiere nach der Thanatose. So wird das Körperempfinden wieder hergestellt und das Erleben reintegriert.

Posttraumatische Belastungsstörung

Nach einer extremen Notlage kann eine posttraumatische Belastungsstörung auftreten. Typisch sind Symptome des Wiedererlebens, die sich den Betroffenen tagsüber in Tagträumen oder Flashbacks als Traumaerinnerungen, nachts in Angstträumen aufdrängen. Sie erleben Schutzlosigkeit und Angst, empfinden Hilflosigkeit und Kontrollverlust. Es können Vermeidungssymptome wie emotionale Stumpfheit und Gleichgültigkeit der Umgebung und anderen Menschen gegenüber auftreten. Aktivitäten und Situationen, die an das Trauma erinnern, werden gemieden.

Betroffene beschreiben ihr Erleben als fragmentiert. Sie haben das Gefühl, vom eigenen Körper oder von ihrem Selbst getrennt zu sein, die Umgebung wirkt unwirklich und fremd. Wenn sie sich abspalten und entkoppeln, beschreiben sie diese Erfahrungen oft als „nicht richtig Dasein, als Wegtreten oder Neben-sich-stehen“. Dies sind Symptome einer fortbestehenden Desintegration. Schwierigkeiten macht nicht die Abspaltung während einer belastenden Situation, sondern die anschließende Verarbeitung und Integration. Gewalterfahrungen verunsichern existenziell, ganz besonders, wenn eine solche Tat, die per se einen Tabubruch darstellt, auch noch verschwiegen werden soll, etwa bei einer Vergewaltigung oder häuslicher Gewalt. Menschen mit einer posttraumatischen Belastungsstörung leiden unter einer mangelnden Verbindung zum eigenen Körper, zu sich selbst und zur Umgebung. Nicht selten sind sich die Opfer phasenweise unsicher, ob sie die Tat wirklich erlebt haben oder vielleicht doch nur geträumt. Die Verdrängung ist die Kehrseite des Flashbacks.

Dissoziation und Katalepsie können auch spontan in medizinischen Situationen auftreten, wenn Patienten und Patientinnen sich vor dem fürchten, was auf sie zukommt. Sie zeigen sich als starre Mimik und Körpersprache, in einer flachen Atmung, kalten Gliedmaßen und herabgesetzter Ansprechbarkeit. Wenn Menschen sich äußerlich gefangen fühlen, versuchen sie innerlich zu entkommen. Diese Reaktionen sind umso wahrscheinlicher, je invasiver das angewandte medizinische Verfahren ist und je weniger die Betreffenden mit der angewandten Therapie einverstanden sind. Posttraumatische Belastungsstörungen kommen auch nach medizinischen Behandlungen vor. Die Zahnbehandlungsphobie, bei der extreme Angst zu einer jahrelangen Vermeidung zahnärztlicher Behandlungen führt, kann beispielsweise in vielen (aber nicht allen) Fällen auf negative Vorerfahrungen zurückgeführt werden. Als spezifische Phobie stellt sie eine Indikation für eine psychotherapeutische Behandlung dar.

Foto von Juan Pablo Serrano

Voraussetzungen für eine operative Hypnose

Wenn sich ein Mensch aus einer als schmerzhaft empfundenen Situation abspalten und sein Körperempfinden reduzieren oder sogar ausschalten kann, während er zugleich, wie wir schon sahen, in ein positives inneres Erleben eintaucht, können Dissoziationsmechanismen gezielt als Bewältigungsstrategien eingesetzt werden. Auf diesem Gedanken beruht die operative Hypnose. Das mag zunächst verwundern. Daher möchte ich in der Folge darstellen, unter welchen Voraussetzungen diese Phänomene genutzt werden können, um einen Eingriff erträglich zu gestalten und psychische Traumatisierung zu vermeiden.

Im Grunde geht es darum, einen Kontext herzustellen, der an die mütterliche Fürsorge erinnert und vertrauensvolles Überlassen ermöglicht. Entscheidend ist, dass hier ein frei gewählter und indizierter Eingriff zu einer gesundheitlichen Verbesserung führen soll. Es macht einen großen Unterschied, ob die Situation mithilfe der Thanatose heil oder beschädigt überstanden wird. Ob der Eingriff mit Zustimmung oder wider Willen stattgefunden hat. Ob alle Beteiligten das Vorgehen gemeinsam verarbeiten und integrieren können oder das Geschehen negiert und verschwiegen werden muss.

Wird das angestrebte Ergebnis bejaht, kann sogar eine höhere Verbundenheit zum Körper als vor der Operation entstehen. Die zentralen Weichen für eine positive Lernsituation werden im Vorfeld gelegt und gründen in der therapeutischen Beziehung. Vier Faktoren sind entscheidend für die Reduzierung der Angst:

  1. eine vertrauensvolle Arzt-Patienten-Beziehung,
  2. eine einvernehmliche Auftragsklärung sowie
  3. ein Gefühl von Sicherheit und Kontrolle des Patienten oder der Patientin vor und während des Eingriffs und
  4. schließlich eine geglückte Außenorientierung, bei der das Selbstempfinden integriert ist.

Eine vertrauensvolle therapeutische Beziehung

Patienten und Patientinnen fühlen sich bei einem Arzt bzw. einer Ärztin dann gut aufgehoben, wenn sie in ihrem Anliegen verstanden und als Person gewürdigt werden.

Für die meisten Ärzte und Ärztinnen ist es selbstverständlich, den Anlass des Besuchs zu erfragen. Es wirkt vertrauensstiftend, wenn Behandler und Behandlerinnen diese Information nicht nur zur Kenntnis nehmen, sondern zusammengefasst wiederholen. So wissen Patienten und Patientinnen, dass sie gehört wurden, und können überprüfen, ob sie richtig verstanden wurden. Selbstverständlich ist nicht jeder Wunsch erfüllbar. Es kann gute ärztliche Gründe geben, ein Anliegen zurückzuweisen oder zu modifizieren, doch es beeinflusst das Verhältnis zu Patienten und Patientinnen, ob Wünsche korrekt wiedergegeben werden oder ob Zweifel entstehen, überhaupt wahrgenommen worden zu sein. Menschen fühlen sich gewürdigt, wenn ihre Bedürfnisse berücksichtigt werden. Ein wirklicher Türöffner ist die einfache Frage: „Was brauchen Sie von mir, um sich gut behandelt zu fühlen?“ (Diese Frage habe ich von der Hypnose-Zahnärztin Dr. Susann Fiedler übernommen.) Auch für die Behandelnden ist es sinnvoll zu wissen, was gebraucht und erwartet wird. So wollen manche Menschen, dass man mit ihnen redet, andere wollen in Ruhe gelassen werden. Manche wollen alles schnell abhandeln, andere brauchen Zeit, einige bevorzugen nüchterne Distanz, andere suchen Warmherzigkeit. Diese Eingangsfrage wandelt das Beziehungsgleichgewicht, denn hier ist nicht der Arzt oder die Ärztin Experte oder Expertin, sondern die Patienten und Patientinnen. Die Erkundigung lädt zu der Vorstellung ein, dass Wünsche erfüllt werden können. Damit verändern sich die Projektionen auf den Arzt oder die Ärztin, und diese bekommen durch ihre Worte ein Gestaltungselement in die Hand.

Aus der Antwort lassen sich Begriffe gewinnen, die kontinuierlich in die weitere Konversation einfließen können. Gehören dazu beispielsweise Werte wie „reden, schnell und warmherzig“, könnte folgender Satz eine Trance vorbereiten: „Wenn wir jetzt bereden, was Ihnen während des Eingriffs und der Trance guttut, dann wäre es also hilfreich, ich wäre auf warmherzige Art schnell.“ Sind die Werte „in Ruhe gelassen werden, Zeit und distanziert-nüchtern“ könnte der Satz lauten: „Wenn wir uns jetzt Zeit lassen, in nüchterner Distanz zu klären, was Ihnen während der Trance und dem Eingriff guttut, dann ist ruhige Gelassenheit förderlich.“ Beide Sätze sind etwa gleich lang, aber die eingestreuten Begriffe modellieren das Zeit- und Beziehungsempfinden. Worte sind Anker von Bedeutungen. Indem sie kontinuierlich in die Kommunikation einfließen, verankert sich das, was für Patienten und Patientinnen bedeutsam ist.

Auftragsklärung

Ärzte und Ärztinnen sollten einen Auftrag nur annehmen, wenn sie selbst von ihm überzeugt sind. Viele Gründe können einem Wunsch entgegenstehen. Das reicht von der Einforderung einer Antibiotika-Therapie bei einem viralen Infekt bis zu illusorischen Hoffnungen bei einer Operation. Daher gehört es zur Auftragsklärung, realistisch darzustellen, was tatsächlich angeboten werden kann, und dass sich Patienten und Patientinnen eindeutig zu diesem Angebot verhalten. So entsteht eine Art Vertrag, der nur zustande kommt, wenn beide Parteien freiwillig zustimmen.

Gerade bei Operationen kommt es häufig vor, dass Patienten und Patientinnen einen Eingriff zwar für sinnvoll erachten, aber dennoch Sätze sagen wie: „Ich habe ja keine andere Wahl“, oder „Ich muss es machen lassen“. An dieser Stelle weise ich stets darauf hin, dass niemand etwas machen lassen muss. Sie können sehr wohl wählen. Auch wenn Betroffene nicht die Wahlmöglichkeit haben, die sie gerne hätten, ist es dennoch wichtig, den Sinn und den Vorteil des Vorgehens bewusst wahrzunehmen und es als Chance zu sehen.

Bei einer operativen Hypnose ist Lokalanästhesie natürlich erlaubt. Wenn Menschen entspannt sind, kann die Medikamentendosis jedoch deutlich reduziert werden, mitunter kann auch allein durch Hypnose eine vollkommene Taubheit erzielt werden. Es geht aber nicht um einen vollkommenen Verzicht auf eine Anästhesie, sondern um einen guten Allgemeinzustand während des Eingriffs.

Trancearbeit setzt Vertrauen voraus. Daher sollte eine operative Hypnose nur eingesetzt werden, wenn der medizinische Auftrag definiert und angenommen wurde. Es wäre verwerflich, suggestive Techniken einzusetzen, um jemanden zu einem Verfahren zu überreden, das abgelehnt wird oder wozu sich jemand gezwungen fühlt. Menschen, die zu therapeutischen Schritten genötigt werden, ohne einen Benefit ausmachen zu können, fühlen sich als Opfer. Es erhöht das Risiko einer posttraumatischen Belastungsstörung, bei der das Verhältnis zum Körper und zum Selbst nachhaltig gestört bleibt.

Kontrolle und Sicherheit durch prähypnotische Seedings

Patienten und Patientinnen wirken bei einer Hypnose während des Eingriffs zwar ruhig und passiv, innerlich sind sie jedoch hochaktiv. Es ist eine Leistung, sich abzuspalten und die Aufmerksamkeit auf einen Fokus zu lenken, der das Äußere vergessen lässt.

Wir können uns das als Arbeitsteilung denken: Während der Arzt oder die Ärztin sich um den Körper kümmert, wenden sich Patienten und Patientinnen einem inneren Geschehen zu, das ihnen guttut. Dieses Überlassen des Körpers ist ein Akt des Mutes, der besonders gut gelingt, wenn jemand weiß, wie er oder sie die Trance selbst steuern kann. Hierzu gibt es Absprachen, sogenannte prähypnotische Seedings. Sie heißen so, weil sie Vorinformationen säen, die ein gutes Erleben fördern. Informationen, die vor der ersten Behandlung gegeben werden, wirken besonders stark, weil sie nicht durch frühere Erfahrungen relativiert werden können. Wir vereinbaren beispielsweise Folgendes:

  • „Trance ist die Aktivierung einer guten Erfahrung.“ Hierdurch wird Trance vorweg positiv konnotiert.
  • „Sie sind ständig in eigener Kompetenz und Kontrolle.“ Wer sich seiner Fähigkeiten bewusst ist und Einfluss hat, fühlt sich sicherer. Das ist gut für beide Seiten.

  • „Wenn etwas nicht in Ordnung ist, bitte die Augen öffnen und es mir sagen.“ Hier wird konkretisiert, auf welche Weise sich jemand bemerkbar machen kann, wenn etwas nicht stimmt.
    Wichtig ist, dass es sich hier um ein Doppelzeichen handelt. Es kommt immer wieder vor, dass Menschen während ihrer Trance Geräusche machen, reden, sogar summen oder singen. Auch können sich die Augen einfach mal öffnen. Erst beides zusammen bedeutet: „Ich brauche eine Pause oder ich möchte etwas sagen.“

  • „Die Trance ist zu Ende, wenn Sie meine Hand auf Ihrer Schulter spüren und Sie mich sagen hören: „Nun sind wir fertig.“ Auch bei der Vereinbarung zur Außenorientierung handelt es sich um ein Doppelzeichen, denn es kann durchaus geschehen, dass man während eines Eingriffs die Schulter des Patienten oder der Patientin berührt oder beim Abschluss eines Behandlungsabschnitts sagt: „Damit sind wir nun fertig.“

Foto von Andrea Piacquadio

In der zahnärztlichen Praxis wird häufig eine kataleptische Mundöffnung, also das eigenständige Offenstehen des Mundes, eingesetzt: „Wann immer mein Finger sich auf Ihr Kinn legt, wird sich Ihr Mund automatisch öffnen und offen bleiben. Und wenn sich später mein Finger unter Ihr Kinn legt, wird er sich schließen. Das üben wir jetzt einmal.“ Das ist eine hypnotische Ankertechnik. Es erleichtert beide Seiten sehr, wenn der Mund nicht willkürlich offengehalten werden muss, sondern in einem Starre-Reflex selbstständig geöffnet bleibt.

Die Trance

Wenn gegenseitiges Vertrauen besteht, die Erwartungen geklärt sind, der vereinbarte Auftrag bejaht wurde und Patienten und Patientinnen wissen, welche Steuerungsmöglichkeiten sie in Trance haben, reichen oft schon kleine Angebote, um zu dissoziieren. Strategisch kann dieser Prozess unterstützt werden, indem das Wertesystem des Patienten oder der Patientin eingebunden wird, die Sinnesmodalitäten aktiviert sowie die Gegebenheiten der Behandlungssituation genutzt werden und diesen gleichzeitig ein neuer Bedeutungsrahmen gegeben wird.

Das Wertesystem

Grundsätzlich kann schon die einfache Frage: „Wo wären Sie denn jetzt lieber?“ eine Trance einleiten. Diese Frage lässt sich in das Wertesystem einbinden. Waren „reden, warmherzig, schnell“ bedeutsam, kann der einleitende Satz lauten: „Wenn wir jetzt schnell bereden, wofür sich Ihr Herz erwärmen kann, wo wären Sie denn jetzt lieber?“ Sind die Worte „Zeit lassen, nüchtern distanziert, gelassene Ruhe“ kann er lauten: „Wenn es einen ruhigen Ort gäbe, an dem Sie sich gerne Zeit lassen, so dass Sie mich gelassen und distanziert meine Arbeit tun lassen können, wo wären Sie jetzt am liebsten?“ Wenn diese Worte im Atemrhythmus des Patienten oder der Patientin gesprochen werden, verstärkt das ihre Wirkung.

Aktivierung der Sinnesmodalitäten

Indem man den Ort oder die Situation auf möglichst vielen Sinnesebenen erfragt - Wie sieht es dort aus? Was gibt es zu hören? Welche Gefühle entstehen dabei? - wird diese Erfahrung innerlich lebendig. Oft reicht es, diese Qualitäten kurz zu wiederholen und anzuschließend aufzufordern: „Wenn Sie gerne dort sind, können Sie einfach dableiben und es genießen, während ich hier meine Arbeit mache.“

Utilisation

Wir haben schon davon gesprochen, dass operative Hypnose spontane kataleptische und dissoziative Reaktionen nutzt. Auch die typischen Merkmale der äußeren Behandlungssituation müssen nicht ausgeblendet, sondern können sogar genutzt werden.

Was ist beispielsweise typisch für einen Zahnarztbesuch? Man liegt auf einem Stuhl, ein helles Licht scheint ins Gesicht, Wasser kann rauschen. Während der Mund weit geöffnet ist, wird an den Zähnen gearbeitet, man hört Stimmen und Instrumente. Diese Elemente können in eine Trance eingebunden werden: „Wenn es einen Ort gäbe, an dem sie alles liegen lassen könnten, die Sonne schiene Ihnen ins Gesicht, ein Ort, an dem es Wasser gibt, vielleicht einen Bach, einen Fluss, einen See oder das Meer, ab und zu hört man Stimmen oder andere Geräusche, eine Situation, für die Sie sich weit öffnen können. Wo wäre dieser Ort, an dem Sie jetzt gerne sein möchten?“

Reframing

Alle diese Elemente können in ein neues Sinngefüge gesetzt werden. Auch hierbei sind die Worte von Patienten und Patientinnen hilfreich.

Waren die Worte „reden, warmherzig, schnell“, könnte das Reframing so aussehen: „Wenn es einen Ort gäbe, an dem Sie selbstredend alles liegen lassen könnten, die Sonne schiene Ihnen warm ins Gesicht und erwärmte auch das Herz, einen Ort, an dem es Wasser gibt, es rauscht, als würde es beruhigend mit Ihnen reden, vielleicht ein Bach, ein Fluss, ein See oder das Meer, ab und zu hört man warmherzige Stimmen oder andere Geräusche, eine Situation für die Sie sich schnell weit öffnen können – wo wäre dieser Ort, der so zu Ihnen redet, dass Sie sich schnell für ihn erwärmen könnten.“

„In Ruhe gelassen werden, Zeit und distanziert-nüchtern“ ließen sich folgendermaßen einbauen: „Wenn es einen Ort gäbe, an dem Sie alles gelassen liegen lassen könnten, Sie haben Zeit, die Sonne schiene Ihnen beruhigend ins Gesicht, einen Ort, an dem es in der Distanz Wasser gibt, es rauscht nüchtern beruhigend, vielleicht ein Bach, ein Fluss, ein See oder das Meer, ab und zu hört man distanziert Stimmen oder andere Geräusche, eine Situation, für die Sie sich nüchtern und gelassen weit öffnen können – wo wäre dieser Ort, an dem Sie in Ruhe gerne Zeit verbringen und mich nüchtern meine Arbeit tun lassen können?“

Für eine Utilisation und ein Reframing kann sich jede/r die typischen Elemente der eigenen Behandlungssituation bewusst machen und neue Interpretationen erschließen.

Außenorientierung und Reassoziation zum Körper

Neben der Klarheit im präoperativen Vorgehen ist in gleicher Weise eine Re-Orientierung wichtig, die das Ende der Trance markiert. Hierdurch verbinden sich Patienten und Patientinnen wieder mit ihrem Körper und der Außenwelt. Da sie die Trance als etwas erleben, das sie selber hergestellt haben, um eine schwierige Situation zu bewältigen, erhöht dies oft sogar das Selbstwertgefühl. Die Außenorientierung sollte daher nicht nur in den präoperativen Seedings angeleitet, sondern am Ende der Behandlung auch tatsächlich durchgeführt werden.

Zusammenfassung

Trance ist ein inneres Beschäftigungsangebot, das ermöglicht, die Operationszeit nicht als quälende Wartezeit, sondern als einen mentalen Spielraum zu erleben. Während man in einer eigenen Welt ist, können sich der Arzt oder die Ärztin ganz auf die Arbeit konzentrieren. So gestaltet können Trancen für Patienten und Patientinnen den Eingriff erträglich, im besten Falle sogar erholsam machen, und sie erleichtern die ärztliche Arbeit enorm.

Foto von Ivica