Nr. 59
Metaphern, die tragen
Artikel von

Susanne Kohlhoff
Metaphern gehören seit jeher zu den wirksamsten Werkzeugen der Hypnotherapie. Oft beschreiben sie innere Wirklichkeiten präziser als abstrakte Diagnosen oder theoretische Modelle. Ein einziges Bild kann komplexe emotionale Zustände verstehbar machen, Orientierung geben und neue innere Erfahrungen ermöglichen.
In der Arbeit mit Patient*innen entstehen dabei häufig sehr individuelle innere Bilder, Symbole und Geschichten, die über einen therapeutischen Prozess hinweg tragfähig sind.
In dieser Reihe „Aus der Praxis“ werden reale Fälle aus der hypnotherapeutischen Praxis vorgestellt (selbstverständlich anonymisiert und verfremdet). Dieses Jahr möchte ich in diesem Kontext hilfreiche und bewährte Metaphern als nicht-fertige „Techniken“ präsentieren, die als Anregung und Inspiration dienen können, wie therapeutische Bilder Prozesse verstehbar machen, Entwicklung unterstützen und manchmal über lange Zeit zu inneren Begleiter*innen werden können.
Das zerstörte Dorf
Eine therapeutische Metapher bei komplexer Traumatisierung
Elisabeth (Name und Details verändert) war 22 Jahre alt, als sie die Therapie begann.
Sie war hochintelligent, beeindruckend reflektiert, äußerlich souverän — und innerlich von einem Gefühl tiefster Verlassenheit geprägt. Diagnostisch zeigte sich das Bild einer komplexen posttraumatischen Belastungsstörung mit chronischer Suizidalität, massiver Bindungsunsicherheit, depressiven Einbrüchen und einem nahezu absoluten Wertlosigkeitserleben.
Aufgewachsen war sie in einem emotional kalten, leistungsorientierten Elternhaus. Nähe erschien dort nicht als verlässliche Beziehungserfahrung, sondern als Inszenierung. Zärtlichkeit musste verdient werden, Loyalität wurde eingefordert, Fehler führten zu Entwertung und Beschämung. Emotionale und körperliche Gewalt gehörten zum Alltag. Es gab keinen geschützten inneren oder äußeren Ort.
In den ersten Stunden suchten wir nach einem Bild für ihr inneres Erleben. Schließlich sagte sie leise: „Es ist wie ein zerstörtes Dorf.“ Dieser Satz wurde zum Beginn einer langen therapeutischen Arbeit.
Das Dorf war niedergebrannt.
Mauern waren eingerissen worden.
Nichts war mehr heil.
Es gab keinen Ort zum Ausruhen, keinen Schutzraum, keinen Platz, der wirklich ihr gehörte. Feinde konnten jederzeit eindringen. Alles wurde immer wieder verwüstet.
Die Metapher erwies sich therapeutisch als außerordentlich tragfähig, weil sie nicht nur Symptome beschrieb, sondern Struktur.
Komplex traumatisierte Patient*innen erleben sich häufig nicht einfach „traurig“ oder „ängstlich“, sondern innerlich ungeschützt, dauerhaft bedroht und ohne stabile Selbstorte. Die Welt wird nicht als sicherer Raum mit einzelnen Gefahren erlebt, sondern als grundsätzlich unsicheres Gelände.
Das erste Therapieziel war deshalb nicht „Glück“ oder „Heilung“.
Sondern einen trockenen Schlafplatz im Dorf einzurichten.
Einen kleinen Ort, an dem man bleiben darf.
Ohne Beschämung.
Ohne Angriff.
Ohne dass jederzeit jemand die Tür aufreißt.
Eine Tür mit Schloss.
Eine Matratze.
Eine Decke.
Im Verlauf der Therapie entstanden weitere Bilder: Kleine Häuser, Ruheplätze, ein Brunnen. Besonders wichtig wurde die Vorstellung einer leuchtenden Kugel in einem der Häuser: Ein inneres Bild, das mit meiner Stimme verbunden war und ihr half, sich in Momenten äußerster Verzweiflung zu beruhigen und innerlich Halt zu finden.
Die Dorfmauer existiert inzwischen wieder. Noch nicht aus Stein. Eher aus Holz. Aber sie steht.
Und vielleicht ist genau das ein zentraler therapeutischer Prozess bei komplexer Traumatisierung:
Nicht die Vergangenheit ungeschehen zu machen. Sondern langsam einen inneren Ort entstehen zu lassen, der erstmals Schutz, Kontinuität und eigenes Leben ermöglicht.

Photo von Jocelyn Erskine-Kellie
