Nr. 58
Die Zeitschrift Hypnose-ZHH
Artikel von

Dr. Burkhard Peter
Hypnose - Zeitschrift für Hypnose und Hypnotherapie (Hypnose-ZHH)
erscheint als Doppelheft einmal pro Jahr im Oktober. Die Doppelhefte beschäftigen sich jeweils mit einem Schwerpunktthema, das von Gastherausgebern betreut wird.
Die Themen und Abstracts aller bisherigen Hefte von Hypnose-ZHH sowie von Hypnose und Kognition (HyKog) finden Sie unter Publikationen/Hypnose-ZHH.
In dieser und kommenden Ausgaben des M.E.G.a.Phons präsentieren wir jeweils kurze Zusammenfassungen aktueller Artikel, die teilweise auch schon als PDF kostenlos heruntergeladen werden können. Alle vorangegangenen Ausgaben stehen ebenfalls zum Download als PDF bereit.
Hypnose-ZHH entstand aus dem Zusammenschluss der Zeitschriften: Experimentelle und Klinische Hypnose (ExKli) (1983 - 2002), Zeitschrift der Deutschen Gesellschaft für Hypnose und Hypnotherapie (DGH), und Hypnose und Kognition (HyKog) (1984 - 2004), Zeitschrift der Milton Erickson Gesellschaft für klinische Hypnose (M.E.G.).
Hypnose-ZHH ist das Organ der folgenden Hypnosegesellschaften
- Deutsche Gesellschaft für ärztliche Entspannungsmethoden, Hypnose, Autogenes Training und Therapie (DGäEHAT), www.dgaehat.de
- Deutsche Gesellschaft für Hypnose und Hypnotherapie (DGH), www.dgh-hypnose.de
- Gesellschaft für klinische Hypnose Schweiz (GhypS), www.ghyps.ch
- Milton Erickson Gesellschaft für klinische Hypnose (M.E.G.), www.meg-hypnose.de
- Milton Erickson Gesellschaft für klinische Hypnose und Kurzzeittherapie, Austria (MEGA), www.mega.at
- Schweizerische Ärztegesellschaft für Hypnose (SMSH), www.smsh.ch

Inhalt von Band 19 (2024)
State of Art and Science 1984 - 2024
Burkhard Peter: Vorwort zu „State of Art and Science“: 1784 – 1984 – 2024, H y p n o s e Z H H 2024, 19(1+2), 5-10
Burkhard Peter: „Damals hatten wir noch Träume.“ Hypnotherapie bei Krebserkrankungen – Ein persönlicher Rückblick nach 40 Jahren, Hypnose-ZHH, 2024, 19(1+2), 11-34
Es werden zunächst Hintergründe des Leitthemas „Hypnotherapie bei Krebserkrankungen“ für das Einführungsheft der Zeitschrift HYPNOSE UND KOGNITION vor 40 Jahren beschrieben, u.a. auch mit persönlichen Beweggründen des Autors. Dann folgt ein kurzer geschichtlicher Überblick der Psychoonkologie, eine Darstellung der Diskussionen über die „Krebspersönlichkeit“ in den 1980er Jahren und der Bemühungen um eine Lebensverlängerung durch Psychound Hypnotherapie. Dargestellt wird auch die darauffolgende große Ernüchterung, als rigoros durchgeführte Studien und Meta-Analysen diese Hoffnungen zunichte machten. Methoden der Imagination, Entspannung und Hypnose gehören heute jedoch ganz selbstverständlich zu den Standardbehandlungen vieler psychoonkologischer und palliativer Einrichtungen.
Michael E. Harrer: Hypnose in der Psychoonkologie? Hypnose-ZHH, 2024,19(1+2), 35-59
Der Rückblick auf 40 Jahre Hypnose in der Psychoonkologie zeigt die nach wie vor aktuellen und wertvollen Möglichkeiten des Einsatzes von Hypnose in der Onkologie auf. Die Zielsetzung, mittels Hypnose den Krankheitsverlauf zu beeinflussen, hat sich in Richtung einer Steigerung der Lebensqualität verändert. Ebenso hat sich das Tabu verringert, Tod und Sterben anzusprechen. Die Möglichkeiten der Hypnose, durch Entspannung und Imagination zu Symptomkontrolle und Lebensqualität beizutragen, haben auch in den entsprechenden Leitlinien Niederschlag gefunden. Im Beitrag wird im Speziellen auf die Bedeutung der therapeutischen Beziehung, auf Aspekte der Teilearbeit, auf Selbsthypnose und die Kombination von Hypnose und Achtsamkeit verwiesen. Zuletzt wird der Beitrag Milton Ericksons in diesem Bereich auch anhand von Fallbeispielen gewürdigt.
Hansjörg Ebell: Annäherungsziele und Vermeidungsziele in der Schmerztherapie. „Was stattdessen“ – Kernelement von therapeutischer Kommunikation, Hypnose und Selbsthypnose, Hypnose-ZHH, 2024,19(1+2), 61-78
Ericksons genialer Vorschlag, die leidvolle Erfahrung „Schmerz“ als ein komplexes Konstrukt zu je einem Drittel aus gegenwärtigem Erleben, assoziativem Rückgriff auf die Vergangenheit (Erinnerung, implizites Gedächtnis) und einer entsprechenden Vorhersage auf eine wahrscheinliche Zukunft zu verstehen, führt zu vielfältigen (hypno-)therapeutischen Optionen. Eine hypnosystemisch fundierte Kommunikation dient dazu, Suchprozesse anzuregen, was „stattdessen“ sein soll und ist damit geeignetes Kernelement für die Zusammenarbeit von Behandelnden und Betroffenen, die sehr verschiedene Perspektiven auf dasselbe („Schmerz“) haben: die Erklärungen (Krankheit) einerseits und die Erfahrung (krank sein) andererseits. Skizziert werden Konzepte, die zur Orientierung auf dem komplexen Feld der Behandlung von akuten und chronischen Schmerzen dienen. Sowohl pathogenetisch orientiertes, schmerztherapeutisches Interventionsdenken als auch salutogenetisch bestimmtes Beziehungsdenken sind dafür notwendig und miteinander vereinbar. Anders als bei akuten wird bei chronischen Schmerzen deutlich, dass Bekämpfungsstrategien, die sich ausschließlich an Vermeidungszielen („weniger von ...“) ausrichten, selten herausführen aus leidvollem Erleben, sondern meist immer tiefer hinein in Ohnmacht und Hilflosigkeit. Ergänzend und/oder alternativ gilt es darum, individuelle Annäherungsziele („mehr von ...“) zu ermitteln, die erlauben, eine allmähliche Besserung Schritt für Schritt wahrzunehmen und die kleine oder sogar große Erfolgserlebnisse ermöglichen. Erfahrungen mit „Was stattdessen“-Qualität wirken ermutigend für alle Beteiligten. Den Betroffenen vermitteln sie zudem wichtige Erfahrungen von Selbstkompetenz. Dies ist umso wichtiger, wenn relevante Probleme (incl. Schmerzen) nach wie vor vorhanden sind und es darüber hinaus große Herausforderungen zu bewältigen gilt. Letzteres ist typisch für den psychoonkologischen Kontext. Wissenschaftliche Grundlage für die wichtige Unterscheidung von Vermeidungsund Annäherungs-Zielen sind Erklärungsmodelle von neuronalen Netzwerken im Zentralnervensystem bzw. von der Aktivierung eines Behavioralen Inhibitionssystems (BIS) bei Vermeidungsbzw. eines Behavioralen Aktivierungssystems (BAS) bei Annäherungszielen. Eine „Was stattdessen“-Kommunikation auf Grund des BIS/BAS-Modells sowie auch Ericksons Auffassungen zur sog. „Drittel-Regel“ ermöglichen relevante und nachhaltig wirksame Erfahrungen der Selbstwirksamkeit (insbes. bei erfolgreicher Verwendung von Selbsthypnose). Als Bestandteil eines angemessenen schmerztherapeutischen GesamtTherapiekonzepts werden Hypnose und Selbsthypnose zu einem individuell maßgeschneiderten Ergänzungsangebot von oft erstaunlicher Wirksamkeit.
Sabine Fruth: Mit Hypnose in Frieden sterben. Begleitung eines jungen Lymphompatienten mit „Imaginären Körperreisen“ in den letzten Wochen seines Lebens. Ein Fallbericht, Hypnose-ZHH, 2024,19(1+2), 79-94
Dargestellt wird die sechswöchige Begleitung eines 19-jährigen Lymphompatienten in der letzten Phase seines Lebens. Bevor er die Autorin kennenlernte, hatte er bereits eigenständig begonnen mit „Imaginären Körperreisen nach Sabine Fruth“ zu arbeiten. Während acht intensiver, gemeinsamer Reisen erlebten wir Besserung und Erfolg, Erkenntnis und Akzeptanz sowie am Ende Loslassen und Verabschiedung in Frieden mit sich selbst am inneren Wohlfühlort. Meine wichtigste Erkenntnis als Wegbegleiterin war die eigene Demut vor den individuellen Erkenntnissen des Patienten; meines Erachtens in diesem Fall der einzig mögliche Weg. Besonders in einem so schweren Fall ist es wichtig, begleitend zur Seite zu stehen, den Rahmen zu halten und genug Raum zu lassen, damit auf unbewusster Ebene individuelle Entscheidungen getroffen werden können. So war es am Ende stimmig für den Patienten.
Mark P. Jensen: Überlegungen zum Stand der Wissenschaft der Hypnose, Hypnose-ZHH, 2024,19(1+2),99-122
Dieser Beitrag fasst die Überlegungen des Autors zu den Fortschritten zusammen, die in den 40 Jahren seit dem ersten M.E.G.-Kongress im Oktober 1984 in Bezug auf unser Verständnis der Wirksamkeit und der Mechanismen der klinischen Hypnose gemacht wurden. Fortschritte gab es in drei Schlüsselbereichen: (1) in unserem Verständnis der positiven Wirkungen der Hypnose (mit der Frage: Ist Hypnose wirksam?), (2) in unserem Verständnis der Mediatoren der Hypnose (mit der Frage: Wie wirkt Hypnose?) und (3) in unserem Verständnis der Moderatoren der Hypnose (mit der Frage: Für wen ist Hypnose wirksam?). Zum Zeitpunkt des ersten M.E.G.-Kongresses gab es nur sehr wenige veröffentlichte randomisierte klinische Studien, in denen die Wirksamkeit der Hypnose untersucht wurde. Seitdem hat die Zahl der klinischen Studien und ihre wissenschaftliche Qualität stetig zugenommen. Wir verfügen über die besten Belege für die Wirksamkeit der Hypnose bei der Behandlung des Reizdarmsyndroms, bei Depressionen und sowohl bei akuten als auch chronischen Schmerzen. Darüber hinaus haben Fortschritte in der Technologie zur Bildgebung des Gehirns ein besseres Verständnis der neurophysiologischen Prozesse ermöglicht, die den Wirkungen der Hypnose zugrunde liegen. Und schließlich haben Wissenschaftler in jüngster Zeit damit begonnen, die Faktoren zu untersuchen, die vorhersagen, wer mit größerer Wahrscheinlichkeit von einer Hypnosebehandlung profitieren wird und wer mit geringerer. Die Forschung in allen drei Bereichen wird wahrscheinlich fortgesetzt. In dem Maße, in dem unser wissenschaftliches Verständnis der Wirkungen und Mechanismen der klinischen Hypnose zunimmt, wird auch das Interesse an der Hypnose bei den Patienten steigen, die eine Behandlung wünschen, bei den Ärzten, die diese Behandlung anbieten, und bei den Geldgebern, die diese Behandlung bezahlen.
Jenny Rosendahl und Antonia Haddenhorst: Wirkungen und Nebenwirkungen von klinischer Hypnose, Hypnose-ZHH, 2024,19(1+2), 123-138
Für eine angemessene Beurteilung, ob eine Intervention für Patient:innen hilfreich sein kann, ist eine ausgewogene Beurteilung sowohl der positiven als auch der negativen Effekte nötig. Ziel dieses Beitrages ist eine Zusammenfassung des aktuellen Forschungsstandes zu Wirkungen und Nebenwirkungen von klinischer Hypnose. Zur Wirksamkeit von Hypnose für verschiedene psychische und körperliche Gesundheitsprobleme liegt eine Vielzahl von randomisiert-kontrollierten Studien vor. Die überwiegende Mehrheit der Ergebnisse weist auf positive Effekte von Hypnose hin. Die größten Effekte wurden bei der Anwendung von Hypnose bei Kindern und Jugendlichen, bei der Schmerzbehandlung und bei der Unterstützung medizinischer Eingriffe bzw. Prozeduren festgestellt. In der klinischen Praxis wird Hypnose insbesondere zur Stressund Angstreduktion, zur Steigerung des Wohlbefindens und des Selbstwertgefühls, zur Operationsvorbereitung, Förderung der Achtsamkeit und bei Wehen und Geburt als wirksam eingeschätzt. Unerwünschte Ereignisse bzw. Nebenwirkungen von Hypnose werden in randomisierten Studien nur selten untersucht. In der klinischen Praxis berichten mehr als die Hälfte der Hypnotherapeut:innen durch Hypnose bedingte negative Effekte, wenngleich schwerwiegende Nebenwirkungen offenbar recht selten sind.
Winfried Häuser: Bauchhypnose – eine leitlinienempfohlene Therapie des Reizdarmsyndroms, Hypnose-ZHH, 2024,19(1+2), 139-155
Das Reizdarmsyndrom (RDS) ist eine häufige Gesundheitsstörung, die mit Beeinträchtigungen im Alltag und einer verminderten gesundheitsbezogenen Lebensqualität einhergehen kann. Das RDS wird als eine Störung der Gehirn-Darm-Achse eingestuft. Es ist eine sehr heterogene Erkrankung, was die zugrunde liegenden pathophysiologischen Mechanismen, das klinische Bild und das Ausmaß der funktionellen Beeinträchtigung betrifft. Im Rahmen eines biopsychosozialen Modells des RDS können psychosoziale Faktoren eine Rolle bei der Prädisposition, der Auslösung und der Entwicklung einer Chronifizierung spielen. Bei einem einzelnen Patienten können somatische oder psychosoziale oder eine Mischung aus beiden Faktoren vorherrschen. Die darmgerichtete Hypnose (Bauchhypnose) ist eine spezielle Form der medizinischen Hypnose, die standardisierte darmgerichtete Suggestionen (Hypnose) mit auf die psychologischen Eigenschaften des Patienten zugeschnittenen Suggestionen (Hypnotherapie) kombiniert. Von den psychotherapeutischen Verfahren weisen die kognitiven-behvioralen Therapien und die darmgerichtete Hypnose in kontrollierten Studien die größte Evidenz für die kurzund langfristige Wirksamkeit bei RDS auf und werden in den aktuellen europäischen und nordamerikanischen Leitlinien für Gastroenterologie als Zweitlinien-Behandlungsoptionen empfohlen. Standardisierte Bauchhypnose ist in Form von Audiodateien erhältlich und kann Teil eines Multikomponenten-Selbstmanagement-Ansatzes durch digitale Gesundheitsanwendungen sein. Sie kann – je nach den Präferenzen des Patienten – als Erstlinientherapie für leichte Formen des Reizdarmsyndroms eingesetzt werden. Schwere Formen des Reizdarmsyndroms erfordern ein interdisziplinäres Management von Angesicht zu Angesicht. Eine standardisierte Bauchhypnose und eine auf den einzelnen Patienten zugeschnittene Hypnotherapie können Teil dieses Ansatzes sein.
Maria Hagl: Studien zur Wirksamkeit von klinischer Hypnose und Hypnotherapie im Jahr 2023, Hypnose-ZHH, 2024,19(1+2), 157-180
Im Auftrag der Milton Erickson Gesellschaft für Klinische Hypnose e. V. erfolgt jährlich eine Übersicht zu englischund deutschsprachigen randomisierten kontrollierten Studien (randomized controlled trials; RCTs) und Metaanalysen zur Wirksamkeit von klinischer Hypnose und Hypnotherapie. Dazu wurde eine systematische Literatursuche in den Datenbanken MEDLINE, APA PsycINFO und PSYNDEX nach entsprechenden, im Jahr 2023 in Zeitschriften mit Gutachtenverfahren publizierten Studien durchgeführt. Es wurden insgesamt elf RCTs mit klinischen Stichproben gefunden, in denen hypnotherapeutische Interventionen mit einer Kontrollgruppe verglichen wurden, in einem Fall in der Behandlung einer psychischen Störung. Dabei und in drei weiteren RCTs zur Behandlung von chronischen Beschwerden kam Hypnotherapie durch eine ausgebildete Fachkraft zum Einsatz, davon einmal per Videokonferenz. Es handelt sich bei allen vier Studien um kleinere Pilotstudien zur Machbarkeit, die den Ausgangspunkt für größer angelegte RCTs bilden können. In drei RCTs wurde die Behandlung von chronischen Beschwerden mit Hypnose über ein digitales Medium (Audiodatei oder Smartphone-App) evaluiert. In vier weiteren RCTs wurde Hypnose bei medizinischen Eingriffen evaluiert, in zwei davon per Virtual-Reality-Brille vermittelt. Auch in einigen anderen neu zu Hypnose publizierten RCTs, in denen jedoch nicht spezifisch für deren Wirkanteil kontrolliert wurde, wurde auffallend oft Hypnose per Virtual-Reality-Brille eingesetzt, und dies gilt ebenso für im Jahr 2023 in den Studienregistern neu angemeldete RCTs. Damit zeigt sich der allgemeine Trend zur Digitalisierung im Gesundheitswesen im Bereich der klinischen Hypnose sehr deutlich, worauf in der Diskussion ausführlicher eingegangen wird. Noch ist nicht ausreichend evaluiert, ob sogenannte digitale Gesundheitsanwendungen mit Hypnose einen nachhaltigen Nutzen erbringen und ob speziell Hypnotherapie sich ohne Wirkungsverlust als Videobehandlung durchführen lässt.
Sarah Becker, Ann-Christine Ehlis, David Rosenbaum, Betti Schopp, Ramona Täglich, Dirk Revenstorf: Auswirkung von Hypnose und Exposition in virtueller Realität auf die subjektive Trancetiefe und hirnphysiologische Korrelate bei Akrophobie. Eine Pilotstudie, Hypnose-ZHH, 2024,19(1+2), 181-194
In den letzten Jahren wurde Hypnose vermehrt in Zusammenhang mit virtueller Realität (VR) zur Behandlung psychischer Störungen untersucht. Die hirnphysiologischen Veränderungen fanden bisher jedoch wenig Beachtung. Die vorliegende Pilot-Studie untersucht die Wirksamkeit von Audio-Tranceinduktion vs. audiovisueller VR-Tranceinduktion bei hochund niedrigsuggestiblen Personen, die an einer Höhenangst leiden. Die Teilnehmenden nutzten ein VR-Headset und durchliefen eine Tranceinduktion und anschließend eine Höhenexposition in einer virtuellen Umgebung. Es wurden die subjektive Trancetiefe, funktionelle Konnektivitäten (FC) mit fNIRS und die Veränderung der Höhenangst untersucht. Die funktionellen Konnektivitäten fungierten als hirnphysiologische Korrelate der Trancetiefe. Grundsätzlich wurde angenommen, dass Hochsuggestible tiefer in Trance gehen und dass die audiovisuelle VR zu einer tieferen Trance führt als die Audio-Tranceinduktion ohne visuellen Input. Es zeigte sich tatsächlich eine tiefere subjektive Trance bei Hochsuggestiblen. Außerdem wurde angenommen, dass Niedrigsuggestible in größerem Ausmaß von der audio-visuellen Tranceinduktion profitieren als Hochsuggestible, was bei Ersteren zu einer tieferen Trance führen würde, als wenn sie nur eine auditive Trance hören. Dies sollte bei Hochsuggestiblen nicht der Fall sein, da sie durch die VR-Bebilderung von eigenen inneren Bildern abgelenkt werden. Der unterschiedliche Einfluss von auditiver und audiovisueller Darbietung konnte hier bestätigt werden. Es wurde auch vermutet, dass der Übergang von der Tranceinduktion zur Höhenexposition eine Erhöung der FC hervorruft, da durch die entstehende Angst die Trance vermindert werden könnte. Dies bestätigte sich nicht. Es zeigten sich auch keine Unterschiede in den FC während der Höhenexposition in Bezug auf Suggestibilität und Induktionsform. Weiterhin wurde angenommen, dass geringere FC mit einer größeren Angstreduktion durch die Exposition zusammenhängen. Ein entsprechender signifikanter Zusammenhang konnte zwischen der Reduktion der Zustandsangst (STAI) und geringeren FC zwischen dem linken DLPFC und dem Präcuneus gefunden werden. Eine Reduktion der Höhenangst (HIQ) dagegen ging mit einer geringeren FC zwischen dem rechten DLPFC und dem Präcuneus einher. Es werden die Implikationen der Ergebnisse, die untersuchten Hirnareale, sowie die Generalisierung der Ergebnisse diskutiert.
Wolfgang H. R. Miltner: Die Kontrolle von Schmerzen mittels Hypnose: Eine Reise in die Tiefen des Gehirns, Hypnose-ZHH, 2024,19(1+2), 195-225
Der folgende Beitrag fasst psychophysiologische und neurowissenschaftliche Studien und Überlegungen zusammen, die sich der Frage widmen, was im Gehirn des Menschen stattfindet, wenn Personen hypnotisiert sind und ihnen dabei suggeriert wird, dass sie in Reaktion noxischer (schmerzhafter) Reize keine oder zumindest weniger Schmerzen empfinden. Diesen Beobachtungen der sog. hypnotisch-induzierte Analgesie werden einige Vergleichsbedingungen gegenüberstellt, bei denen Personen aufgefordert werden, sich von den Reizen abzulenken oder ohne spezielle Aufgabe diese Reize zu verarbeiten. Damit verbunden sind auch Fragen, ob sich die Gehirnvorgänge und der Austausch zwischen verschiedenen frontalen und sensorischen Hirnarealen bei diesen verschiedenen Bedingungen voneinander unterscheiden. Ferner wird dargestellt, dass sich Hypnotisierte solche Wahrnehmungsänderungen nicht einfach nur einbilden und nur so tun, als ob die vorgeschlagenen Reizereignisse nicht mehr wahrgenommen werden, sondern reale Erfahrungen darstellen. Eine kurze Zusammenfassung erläutert, welche Gebiete des Gehirns in die Verarbeitung noxischer Reize involviert sind, welche neuronalen Mechanismen für die Entstehung des Gefühls Schmerz verantwortlich sind und mit welchen Methoden sie untersucht werden können. Danach werden mehrere Studien besprochen, die mit Hilfe aus dem Elektroenzephalogramm abgeleiteter neuronaler Korrelate frühe Aufmerksamkeitsprozesse und die Verarbeitung somatosensorischer und emotionaler Aspekte sowie der Intensität noxischer Reize bedeutsam sind und für die Untersuchung der Wirkung medizinischer und psychotherapeutischer Methoden genutzt werden können. Die Ergebnisse dieser Studien werden abschließend vor dem Hintergrund einiger Theorien zur Hypnose unter Abwägung methodischer Probleme diskutiert und es wird postuliert, dass Hypnose nur wirkt, indem sie die Aktivität genau jener Gehirnfunktionen und Netzwerkaktivitäten des Gehirns verändert, die für die Konstitution von Schmerz unverzichtbar sind.
Inhalt von Band 20 (2025)
Quo vadis klinische Hypnose/ Hypnotherapie?
Mitglieder der beteiligten Hypnosegesellschaften haben die Artikel von Band 20 als PDF schon erhalten. Wenn Sie kein Mitglied dieser Gesellschaften sind, müssen Sie leider noch ein Jahr warten. Wenn Sie aber schon jetzt eine elektronische Version des Heftes 2025 bestellen wollen, so klicken Sie bitte hier:
Inhalt und Abstracts
Burkhard Peter: Quo vadis klinische Hypnose/Hypnotherapie (Vorwort), Hypnose-ZHH 2025,20(1+2),13-26
Silja Samerski: Simulation statt Begegnung: Die Digitalisierung im Kopf und ihre Auswirkungen auf die Psychotherapie, Hypnose-ZHH, 2025,20(1+2),27-51
In der Psychotherapie ist heute die Begegnung von Therapeutin und Patientin nicht mehr selbstverständlich. Der Markt digitaler Anwendungen, die niedrigschwellige, ständig verfügbare Hilfen ohne Wartezeiten versprechen, wächst. Dieser Artikel untersucht, wie sich unsere Selbstverständlichkeiten durch digitale Selbsthilfeprogramme und Chatbots verändern und wie sich diese Veränderungen auf die therapeutische Beziehung auswirken. Wenn es vorstellbar ist, dass Maschinen Freunde und Gesprächspartner werden, inwieweit erscheint dann auch die psychotherapeutische Begegnung in einem anderen Licht? Ich möchte also die Frage aufwerfen, inwiefern die Digitalisierung die bisherigen Grundfesten der therapeutischen Beziehung erschüttert.
Dirk Revenstorf, Martin Schipplick und Kirsti Camerer: Ketamin-unterstützte Hypnotherapie, Hypnose-ZHH, 2025,20(1+2),53-82
Die therapeutische Anwendung von Ketamin und anderen psychoaktiven Substanzen wird zunehmend beforscht; aber brauchen wir eine neue Therapie und warum Psychedelika? Ihre Verwendung könnte tatsächlich in mancher Hinsicht einen Durchbruch in der Psychotherapie bedeuten. Psychoaktive Substanzen lassen die Ichbezogenheit und die Bezugnahme auf gebahnte Bewertungen und gewohnte Glaubenssätze vorrübergehend in den Hintergrund treten. Sie ermöglichen auf diese Weise neue affektive und kognitive Verknüpfungen, die die Überwindung von therapieresistenten Depressionen und die Bewältigung von Traumata, Suchtmittelabusus und anderen gravierenden Störungen erleichtern. Es werden die theoreti- schen und neuronalen Grundlagen veränderter Bewusstseinszustände beschrieben sowie die offenbar transdiagnostisch salutogene Wirkung psychoaktiver Substanzen und speziell die bis- herigen Erfahrungen mit der Ketamin-augmentierten Hypnotherapie.
Michael Lüdtke, Dirk Revenstorf, Frank Papenmeier, Ramona Täglich, Betti Schopp und Ann-Christine Ehlis: Keine Angst vor „Hoch hinaus“. Eine Studie zur Untersuchung von Hypnoseeffekten auf die Höhenangst anhand einer VR-Höhenexposition, Hypnose-ZHH, 2025,20(1+2),83-92
Die Kombination von Hypnotherapie und Virtueller Realität (VR) ist ein neues Forschungsfeld im Bereich der Behandlungsmethoden für Höhenangst. Die Hypnotherapie ist bekannter- maßen bei Angststörungen wirksam (Valentine et al., 2019). Gleichzeitig gibt es Befunde, die zeigen, dass vorrangig Hochsuggestible von einer Hypnotherapie profitieren. In einer früheren Studie (Engelhardt & Leiner, 2018) konnte dagegen gezeigt werden, dass durch eine VR- Darstellung vornehmlich Niedrigsuggestible stärker von Hypnose profitieren können. Ziel vorliegender Studie war es, diesen differenziellen Effekt in Bezug auf Höhenangst zu untersuchen. Dazu wurde eine randomisierte Studie mit höhenängstlichen Probanden (N = 72) durchgeführt, die eine Tranceinduktion entweder rein auditiv oder zusätzlich visuell (als VR-Darbie- tung) erhielten. Die anschließende virtuelle Höhen-Exposition war für alle Probanden identisch. Während des Ablaufes der Intervention wurden Angstratings, Herzrate und neuronale Aktivität gemessen. Die Höhenangst (HIQ) wurde vor und direkt nach der Intervention sowie eine Woche später abgefragt. Die unterschiedliche Wirkung der beiden Induktions-Formen (auditiv und VR) bei verschiedenen Graden der Suggestibilität konnte für die Herzrate nach- gewiesen werden. Außerdem konnte ein Zusammenhang zwischen der Herzrate und der neu- ronalen Aktivität im Precuneus und im linken dorsolateralen präfrontalen Kortex gezeigt wer- den. Für die neuronale Aktivität wurde kein Interaktionseffekt von Darbietungsform und Suggestibilität gefunden werden. Ferner zeigte sich, dass alle Versuchsgruppen ihre Höhenangst unmittelbar und eine Woche nach der Intervention signifikant verbessern konnten, unabhängig von der Suggestibilität oder dem Trance-Medium. Die Ergebnisse unterstützen außer- dem tendenziell die Hypothese, dass besonders Niedrigsuggestible von einer VR-Darstellung profitieren.
Pia Puolakka: Die virtuelle Reise des Geistes: Künstliche Intelligenz, Online-Hypnose und virtuelle Realität in der zeitgenössischen klinischen Praxis und Hypnotherapie, Hypnose-ZHH, 2025,20(1+2),93-117
Die Integration digitaler Technologien in die Psychotherapie und Hypnose verändert die therapeutische Praxis weltweit. Künstliche Intelligenz (KI), Online-Behandlungsmethoden und immersive Virtual-Reality-Umgebungen (VR) werden zunehmend als Ergänzung zur herkömmlichen Hypnose eingesetzt. Diese narrative Übersicht untersucht die historische Ent- wicklung und die aktuellen Anwendungen von KI, Teletherapie und VR in der klinischen Hypnose. KI-Tools, darunter Chatbots und personalisierte Skriptgeneratoren, werden als Mit- tel zur Verbesserung der therapeutischen Interaktion und Zugänglichkeit untersucht, während die Online-Hypnose hinsichtlich ihrer Wirksamkeit, Sicherheit und klinischen Anwendbarkeit bewertet wird. VR-Hypnose (VRH) wird als vielversprechende Methode zur Schmerzbehand- lung, Angstminderung und Rehabilitation analysiert, wobei Avatare neue Möglichkeiten für therapeutische Dialoge und Rollenspiele bieten. Ethische Überlegungen werden ausführlich diskutiert, darunter Fragen des Datenschutzes, der emotionalen Abhängigkeit von KI und der verschwommenen Grenzen zwischen Fantasie und Realität. Obwohl KI die subjektiven, unbewussten Prozesse, die die Hypnose ausmachen, nicht nachbilden kann, erweitern digitale Tools die therapeutische Reichweite, Personalisierung und Immersion erheblich. Der Beitrag kommt zu dem Schluss, dass die Zukunft der Hypnose in einem hybriden Modell liegt, in dem menschliches Fachwissen weiterhin im Mittelpunkt steht, während digitale Technologien als leistungsstarke Erweiterungen in Forschung, Praxis und klinischer Ausbildung dienen.
Maria Hagl: Studien zur Wirksamkeit von klinischer Hypnose und Hypnotherapie im Jahr 2024, Hypnose-ZHH, 2025,20(1+2),119-147
Im Auftrag der Milton Erickson Gesellschaft für Klinische Hypnose e. V. erfolgt eine jähr- liche Übersicht zu randomisierten kontrollierten Studien (randomized controlled trials; RCTs) und Metaanalysen zur Wirksamkeit von klinischer Hypnose und Hypnotherapie. Per systema- tischer Literatursuche in den Datenbanken MEDLINE, APA PsycINFO und PSYNDEX wurden für das Jahr 2024 insgesamt fünfzehn neu in Zeitschriften mit Gutachtenverfahren publizierte RCTs gefunden, aus denen sich Schlüsse zur Wirksamkeit von Hypnose bei klinischen Stich- proben im kontrollierten Vergleich ziehen lassen, außerdem einer zur Kombination von Kognitiver Verhaltenstherapie (KVT) mit Hypnose. Weiterhin stehen dabei medizinische Indikatio- nen im Vordergrund, vor allem der Einsatz von Hypnose bei Eingriffen und außerdem bei chro- nischen Schmerzen. Dies spiegelt sich auch in den neu bei entsprechenden Registern angemeldeten RCTs wider. Die Wirksamkeit von Hypnose bei psychischen Beschwerden wird weitaus seltener evaluiert, im Jahr 2024 wurden jedoch einige wenige derartige RCTs publiziert, dar- unter auch eine groß angelegte Studie zur Evaluation von Hypnotherapie zur Raucherentwöhnung im Vergleich zu KVT, deren Ergebnisse nahelegen, dass Hypnotherapie ähnlich wirk- sam ist. Des Weiteren werden die Ergebnisse ausgewählter, methodisch hochwertiger Metaanalysen berichtet, die einmal mehr belegen, dass Hypnose bei Schmerzen in unterschiedli- chen klinischen Settings hilfreich ist. Der Schwerpunkt in der Diskussion liegt auf metho- denkritischen Überlegungen hinsichtlich des bisherigen Forschungsstandes und welche Verbesserungen hinsichtlich Design und Darstellung für RCTs zu klinischer Hypnose aktuell empfohlen werden.
Burkhard Peter: Suggestibilität und Hypnotisierbarkeit: Messung, Hypnose-ZHH, 2025,20(1+2),149-173
Die wichtigsten Instrumente zur Bestimmung von Hypnotisierbarkeit werden beschrieben. Sie unterscheiden sich praktisch hinsichtlich Anwendungsdauer – von 20 Minuten bis über eine Stunde –, v.a. aber inhaltlich hinsichtlich dessen, was sie ausweislich ihrer einleitenden Induktion vorgeben zu messen: Imagination oder Hypnose. Die auf die Induktion folgenden Testaufgaben der meisten Skalen bestehen aus den gleichen oder ähnlichen motorischkinäs-thetischen, sensorisch-affektiven und kognitiven hypnotischen Phänomenen. Sinn und Zweck von Hypnotisierbarkeitstests wird diskutiert: Hypnotisierbarkeitsmessungen in experimentellen Untersuchungen sind selbstverständlich; in vielen klinischen Studien wird jedoch darauf verzichtet. Das ist zu bedauern, weil so nicht mehr nachgewiesen werden kann, welchen Einfluss Hypnose auf den Effekt der Intervention gehabt hat. Für die hypnotherapeutische Praxis wird eine situationsangemessene Testung vorgeschlagen, die in der Anwendung von hypnotischen Phänomenen besteht – was aber voraussetzt, dass man in der klinischen Praxis überhaupt versucht, hypnotische Tranceinduktionen und klassische hypnotische Rituale anzuwen- den, um den „Mehrwert“ zu nutzen, den unbewusste Ressourcen bieten. In einer Übersichtstabelle werden die Skalen nebeneinander gestellt, um sie besser vergleichen zu können.
Inhalt:
- Wie können wir Suggestibilität und Hypnotisierbarkeit messen?
Messung von Hypnose-Tiefe
Messung von „hypnotischer“ Imagination: Die Creative Imagination Scale (CIS)
Messung von Hypnotisierbarkeit I: Die Stanford Hypnotic Susceptibility Scales (SHSS) zur Einzeltestung
Messung von Hypnotisierbarkeit II: Die Harvard (HGSHS), Walterloo-Stanford (WSGC) und die Sussex-Waterloo Scales of Hypnotic Susceptibility (SWASH) zur Gruppentestung
Messung von Hypnotisierbarkeit III: Die Elkins Hypnotizability Scale (EHS) Messung von Hypnotisierbarkeit IV: Die kürzeren Skalen SHCS und HGSHS-5 - Die einleitenden Hypnose-Induktionen
- Imagination oder Halluzination?
- Einfaches Testen der Hypnotisierbarkeit in der hypnotherapeutischen Praxis
- Phänomene von Identitäts-Delusionen
- Sinn und Zweck der Feststellung von Hypnotisierbarkeit
Ernil Hansen: Die Bedeutung von Trance in der Medizin, Hypnose-ZHH, 2025,20(1+2),175-197
Trance und hypnotische Phänomene beruhen auf der grundsätzlichen Fähigkeit aller Men- schen, den Funktionsmodus zu ändern, insbesondere als Schutzreaktion im akuten Notfall. Sol- che Situationen bestehen bei einem Unfall, einem medizinischen Notfall, vor und bei Operationen, im Kreissaal und im Zahnarztstuhl. Die dabei eintretende Spontantrance mit erhöhter Aufmerksamkeit und Empfänglichkeit für Suggestionen stellt eine andere Voraussetzung dar als bei Hypnotherapie oder Patienten mit chronischer Erkrankung, weil sie keiner Suggestibilitätsvortestung und formalen Hypnose-Induktion bedarf. Sie muss andererseits endlich in der Akutmedizin berücksichtigt werden. Der adäquate Umgang damit besteht im Erkennen und Vermeiden oder der Neutralisation von Negativsuggestionen, einer hypnosebasierten Therapeutischen Kommunikation, dem Ansprechen der Themen von grundsätzlicher Bedeutung und dem Aufbau und der Nutzung einer Therapeutischen Beziehung. Damit ergibt sich eine spezi- elle Anwendung von Hypnose in der Notfall- und Rettungsmedizin, vor und nach Operationen, während Operationen in Lokal- oder Regionalanästhesie und in der Intensivmedizin. Die hohe Wirksamkeit auch unter Allgemeinanästhesie und Hinweise auf die Wahrnehmung während Bewusstlosigkeit eröffnen neue Anwendungsgebiete bei Trauma, während Reanimation, während Operationen und im Koma.


