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Nachruf für Wilhelm Gerl
Nachruf von

Dr. Burkhard Peter

Erinnerungen an Wilhelm
Wilhelm Gerl, Mitbegründer der Milton Erickson Gesellschaft für klinische Hypnose ist am 7.4.2026 gestorben. Er hinterlässt seine Frau Claudia, die beiden Töchter Julia und Sophie und drei Enkel sowie viele Freundinnen und Freunde, Kolleginnen und Kollegen, die um ihn trauern.
Geboren am 20.6.1942 in München besuchte er 1948 bis 1959 die Schule, ging 1960 zur Bundeswehr und war dort bis 1965 Hubschrauberpilot und Fluglehrer. Auf dem weiteren Bildungsweg machte er 1968 Abitur und studierte bis 1973 Psychologie und Philosophie an der LMU München. Danach absolvierte er verschiedene Aus- und Weiterbildungen in Verhaltenstherapie, Gesprächspsychotherapie und Gestalttherapie. Nach einem Jahr am Stadtjugendamt München war er 1974 bis 1976 im Gesundheitspark der VHS München tätig.
Wir kannten uns schon während des Studiums seit Anfang der 1970er Jahre und haben gemeinsam auf der „geschlossenen“ Station des psychiatrischen Bezirkskrankenhauses Haar bei München gearbeitet. Wilhelm war mit seiner Diplomarbeit beschäftigt: Bei den ca. 30 schizophrenen und bipolaren Patientinnen und Patienten, die zum Teil schon jahrzehntelang hospitalisiert waren, evaluierte er ein sogenanntes Token Economy-Programm aus der „Steinzeit“ der Verhaltenstherapie; das war noch vor der Psychiatriereform 1975 (vgl. das Buch, das damals zu unserer Pflichtlektüre gehörte: Franco Basaglia, 1971). Ich machte zu dieser Zeit mein erstes Praktikum und war danach ein Jahr lang als „psychiatrischer Hilfspfleger“ tätig. Während unserer Arbeit im Gesundheitspark – Wilhelm schon als fertiger Psychologe und ich zunächst wieder als Praktikant – reifte der Plan zur Gründung eines Instituts für Integrierte Therapie (IIT), den wir 1976 zusammen mit einem dritten Kollegen verwirklichten. Ziel war es, die verschiedenen Verfahren der humanistischen Therapie zusammen mit der Verhaltenstherapie in einer klientenzentrierten Grundhaltung zu integrieren. Hieraus ist später ein Buch entstanden, in dem Wilhelm das Kapitel über Gesprächspsychotherapie beigetragen hat (Gerl, 1983). Zuvor schon, bei Gründung des IIT, war er Co-Autor des Buches über das Integrierte Entspannungstraining (Peter & Gerl, 1976).
Weiter von Wilhelm zu erzählen bedeutet, nun auch über die Entstehungsgeschichte der M.E.G. zu reden.
Neben den Angeboten für die Ausbildung in Gesprächspsychotherapie – Wilhelm war schon GWG-Ausbilder (Gerl, 1977) – hatten wir für Seminare viele damals bekannte Trainer und Trainerinnen an unser IIT eingeladen wie z.B. Victor Meyer vom Maudsley Hospital in London, Irmela Florin, damals noch in Tübingen, Linda Olsen und Eugene Gendlin aus den USA. Wilhelm kannte deren Buch über Patterns of the hypnotic techniques of Milton H. Erickson und hatte deshalb John Grinder und Judith DeLozier für ein Seminar eingeladen, das im März 1977 stattfand. Dabei ging es hauptsächlich um die uns damals völlig neu und ungewohnt erscheinenden Kommunikationsstrategien von Milton Erickson (Grinder et al., 1977), über die wir allerdings in dem Buch Menschliche Kommunikation von Watzlawick et al. (1969) schon gelesen hatten. Und natürlich hatten wir auch Hypnose. Induktion, psychotherapeutische Anwendung, Beispiele (Erickson et al., 1976) gelesen, das gerade auf Deutsch erschienen war.
Das entscheidende Gespräch mit Erickson am 7. September 1978 hat im Wesentlichen Wilhelm geführt – ich war viel zu schüchtern und zudem mit Fotografieren beschäftigt. Erickson hat überraschend problemlos und freundlich unserer von Wilhelm vorgetragenen Bitte entsprochen: „You can use my name in any way you find to be appropriate.“ So haben wir in Phoenix die M.E.G. gegründet. Die formaljuristische Gründung in München fand danach im Herbst 1978 statt. Wilhelm war in dieser Phase eindeutig der Aktivere von uns beiden und ich weiß bis heute nicht, warum er mir bei der Gründung den Vorsitz überlassen und sich mit der Position des zweiten Vorsitzenden begnügt hat; Alida hatte die Position der Schriftführerin. Über einige besondere Umstände bei dieser Gründung habe ich anlässlich der Verabschiedung Wilhelms auf der M.E.G.-Mitgliederversammlung 2013 in Bad Kissingen schon berichtet. Dort habe ich auch festgestellt: „Wilhelm hat die M.E.G. nicht nur mitbegründet, er hat sie initiiert“ (Peter, 2013).

Foto von Joanna Kmiecik
Nachdem die Seminare zur Weiterbildung in Hypnotherapie nach Milton Erickson in München von Kolleginnen und Kollegen so gut aufgenommen worden waren, hat Wilhelm Kontakt nach Berlin und Frankfurt sowie nach Zürich aufgenommen und dort 1983 erste Seminare angeboten, ich war in Kiel und in Saarbrücken aktiv und wir beide waren später in den 1980er Jahren auch in Wien. Peter Hain aus Zürich, der noch Seminare im IIT in München besucht hatte, hat später die GHypS in der Schweiz mitbegründet und aus den BÖP-Seminaren in Wien ist schließlich die MEGA entstanden.
Nach unserem ersten deutschsprachigen Kongresses für Hypnose und Hypnotherapie nach Milton H. Erickson im Oktober 1984 an der LMU München trat ich als erster M.E.G.-Vorsitzender zurück und kümmerte mich um die im gleichen Jahr zusammen mit Christoph Kraiker (1985) neu gegründete Zeitschrift Hypnose und Kognition (HyKog), die heute Hypnose-ZHH heißt. Dirk Revenstorf (1985) übernahm 1984 den Vorsitz, Wilhelm überließ Gunther Schmidt den zweiten Vorsitz und Bernhard Trenkle gab das MEGaPhon heraus. Wilhelm blieb aber noch lange Jahre - bis 2000 im Vorstand der M.E.G. und trug zu ihrer Stabilität und Professionalität bei. Er war es, der früh ein neues Curriculum „Gesprächsführung nach Milton Erickson“ einführte – heute mit Präfix „hypnosystemisch“ –, in dem auch Beratende und Coaches, also nicht primär nur psychotherapeutisch Arbeitende ihren Platz finden konnten. Und er war es, der sich Ende der 1990er Jahre Gedanken über die armen Raucher und Raucherinnen machte (zu denen ich damals auch noch gehörte und Wilhelm den Aufenthalt in unseren gemeinsamen Räumen im IIT sicherlich verdross – er hat an die Tür zu seinem Raum demonstrativ ein Schild „Nichtraucher“ geschraubt). Wilhelm hat 1993 die SMOKEX-Arbeitsgemeinschaft gegründet und schließlich ein elaboriertes hypnotherapeutisches Antiraucherprogramm entwickelt (Gerl & Freund, 2001, 2009; Gerl et al., 2015), das wissenschaftlich evaluiert wurde (Riegel & Gerl, 2012) und Teil eines anerkannten Rauch-Stopp-Programms geworden ist (Batra et al., 2024).

Foto von Markus Winkler
Anfang der 1980er Jahre engagierte sich Wilhelm für die hypnotherapeutische Behandlung von an Krebs Erkrankten (Gerl, 1984, 1985; Peter & Gerl, 1985) und nahm Anfang der 1990er Jahre an einer wissenschaftlichen Studie über Hypnotherapie bei HIV- und Aids-Patienten und -Patientinnen teil (Reiser et al., 1993; Leiberich et al., 1995). 2013 beendete er aus gesundheitlichen Gründen die Arbeit in seiner Psychotherapiepraxis bei uns im IIT und ebenso sein aktives Engagement in der M.E.G.
Anlässlich der 40-Jahre-Feier der M.E.G. im Jahr 2018 wurde Wilhelm der Milton Erickson Preis verliehen und im Jahr 2022 die Milton Erickson Medaille.
Von seinen Patientinnen und Patienten wurde Wilhelm als effektiv, von Auszubildenden als hoch-kompetent und „besonders“, von Kolleginnen und Kollegen als visionär beschrieben und geschätzt.
Ich kenne Wilhelm mein ganzes Berufsleben und habe so viele gute, schöne und aufregende Erinnerungen an ihn. Es war – gerade auch nach seinem Rückzug 2013 – immer etwas Besonderes, wenn ich mit Alida ihn und seine liebe Frau Claudia in der Jachenau besucht haben. Ich denke sogar gerne zurück an die wenigen Male, wo ich mich über ihn geärgert habe. Er war ein sehr lieber und treuer Begleiter, ein großzügiger, ehrlicher und ehrenwerter Partner, ein sehr selbstbewusster und liebenswerter Mensch, ein wahrer Freund. Ich bin froh, dass ich ihn gekannt habe.

Milton Erickson, Wilhelm Gerl, Alida Iost-Peter
M.E.G.-Gründungsgespräch am 7.9.1978 in Phoenix/Arizona
Foto von B. Peter

Wilhelm Gerl, Milton Erickson, Alida Iost-Peter
September 1978 nachmittags in der Wohnung Ericksons
Foto von B. Peter
Literatur:
Literatur:
Basaglia, F. (1971). Die negierte Institution. Suhrkamp.
Batra, A., Eck, S., Riegel, B., Friedrich, S., Fuhr, K., Torchalla, I., & Tönnies, S. (2024). Hypnotherapy compared to cognitive-behavioral therapy for smoking cessation in a randomized controlled trial. Frontiers in Psychology, 15:1330362. https://doi.org/10.3389/fpsyg.2024.1330362
Bongartz, W. (1985). Was ist Hypnose? In B. Peter (Ed.), Hypnose und Hypnotherapie nach Milton H. Erickson (pp. 11-19). Pfeiffer.
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Erickson, M. H., Rossi, E. L., & Rossi, S. L. (1976). Hypnose. Induktion, psychotherapeutische Anwendung, Beispiele. Pfeiffer.
Gerl, W. (1977). Von der tonband- zur klientenzentrierten Therapie. GwG-Info, 28.
Gerl, W. (1983). Klientenzentrierte Psychotherapie. In C. Kraiker & B. Peter (Eds.), Psychotherapieführer. Beck.
Gerl, W. (1984). Persönliche Merkmale effektiver Krebstherapeuten. Hypnose und Kognition, EH, 36–42.
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Gerl, W. (1997). Hypnotherapeutische Raucherentwöhnung. Was macht sie effektiv? Hypnose und Kognition, 14(1+2), 67–82.
Gerl, W., & Freund, U. (2001). Rauchen. In D. Revenstorf & B. Peter (Eds.), Hypnose in Psychotherapie, Psychosomatik und Medizin. Ein Manual für die Praxis (pp. 344-359). Springer.
Gerl, W., & Freund, U. (2009). Rauchen. In D. Revenstorf & B. Peter (Eds.), Hypnose in Psychotherapie, Psychosomatik und Medizin. Ein Manual für die Praxis (2 ed., pp. 349-363). Springer.
Gerl, W., Riegel, B., Schweizer, C., & Freund, U. (2015). Rauchen. In D. Revenstorf & B. Peter (Eds.), Hypnose in Psychotherapie, Psychosomatik und Medizin. Ein Manual für die Praxis (3 ed., pp. 345-359). Springer.
Gilligan, S. G. (1991). Therapeutische Trance: Das Prinzip Kooperation in der Ericksonschen Hypnotherapie. Carl Auer.
Grinder, J., DeLozier, J., & Bandler, R. (1977). Patterns of the hypnotic techniques of Milton H. Erickson. Meta Publications
Kraiker, C. (1985). Kognitive Modelle hypnotischer Phänomene. In B. Peter (Ed.), Hypnose und Hypnotherapie nach Milton H. Erickson: Grundlagen und Anwendungsfelder (pp. 20-30). Pfeiffer.
Leiberich, P., Klahr, M., Olbrich, E., Sprinkart, P., Müller, M., Reiser, J., Peter, B., Gerl, W., Fürsich, K., Schreiner, M., Schumacher, K., Brockhaus, W., & Kalden, J. R. (1995). CD4-positive Lymphozyten und CD4/CD8-Ratio bei HIV-Positiven unter copingorientierter Hypnotherapie. Experimentelle und Klinische Hypnose, 11(1/2), 49–68.
Loth, N. (1985). Hypnose als unbewußter Lern- und Problemlöseprozeß. In B. Peter (Ed.), Hypnose und Hypnotherapie nach Milton H. Erickson (pp. 163-169). Pfeiffer.
Peter, B., & Gerl, W. (1976). Entspannung. Das umfassende Training für Körper, Geist und Seele. Mosaik.
Peter, B., & Gerl, W. (1985). Clinical hypnosis in psychological cancer treatment. In J. K. Zeig (Ed.), Ericksonian Psychotherapy (pp. 398-411).
Peter, B. (2013). Lobrede auf Wilhelm Gerl. M.E.G.-Mitgliederversammlung am 14.3.13 in Bad Kissingen.
Reiser, J., Peter, B., Olbrich, E., Sprinkart, K. P., Leiberich, P., Gerl, W., & Müller, M. (1993). Hypnotherapie bei HIV- und Aids-Patienten: Eine Therapiestudie. Hypnose und Kognition, 10(2), 70–85.
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Schmidt, G. (1985). Gedanken zum Erickson’schen Ansatz aus einer Systemischen Perspektive. In B. Peter (Ed.), Hypnose und Psychotherapie nach Milton H. Erickson (pp. 31-57). Pfeiffer.
Trenkle, B. (1985). Anekdoten und Metaphern: Indirekte Ericksonsche Techniken in Psychotherapie, Medizin und Familientherapie. In B. Peter (Ed.), Hypnose und Hypnotherapie nach Milton H. Erickson (pp. 128-144). Pfeiffer.
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Zeig, J. K. (1980). Meine Stimme begleitet Sie überallhin, Ein Lehrseminar mit Milton H. Erickson. Klett-Cotta.
Literatur:
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Literatur:
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Gerl, W., & Freund, U. (2001). Rauchen. In D. Revenstorf & B. Peter (Eds.), Hypnose in Psychotherapie, Psychosomatik und Medizin. Ein Manual für die Praxis (pp. 344-359). Springer.
Gerl, W., & Freund, U. (2009). Rauchen. In D. Revenstorf & B. Peter (Eds.), Hypnose in Psychotherapie, Psychosomatik und Medizin. Ein Manual für die Praxis (2 ed., pp. 349-363). Springer.
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Gilligan, S. G. (1991). Therapeutische Trance: Das Prinzip Kooperation in der Ericksonschen Hypnotherapie. Carl Auer.
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