MEGaPhon

Vereinszeitung der Milton Erickson Gesellschaft

 Nr. 59

Tabus – was uns wichtig, was uns heilig ist

Artikel von

Maria Schnell

Das Wort „Tabu“, ursprünglich aus dem Sprachraum Polynesiens abgeleitet, bedeutet im übertragenen Sinn „unberührbar“, „heilig“. Damit wirkt ein Tabu in zwei Richtungen, indem es eine absolute Schranke, ein No-Go, ein Unding aufzeigt, und andererseits auf etwas Unantastbares, Unhinterfragbares, über jeden Zweifel Erhabenes verweist.

Gar nicht so einfach, in der modernen Welt Tabus zu brechen. Alles schon da gewesen und jetzt vom Algorithmus vielfach verstärkt. Angriffskrieg, ein Zirkel reicher Männer, die systematisch Mädchen manipulieren und sexuell ausnutzen. Gewalt, Verrat. Seit dem Mittelalter gelten die sieben Todsünden als übliche Verdächtige: Hochmut, Geiz, Wollust, Zorn, Völlerei, Neid und Faulheit/Trägheit. Denn hinter diesen Brüchen des sozialen Zusammenlebens und der kulturellen Zugehörigkeit finden sich in der Folge Ausgrenzung, Trauma, Schmerz. Dabei ist meist das Aufzeigen dieser Ungerechtigkeiten ein Tabubruch, z. B. Machtmissbrauch oder Betrug, nicht die Verwerfungen selbst. Tabubrüche können sowohl in gesellschaftlichen als auch in persönlichen und familiären Kontexten einen strukturellen Wandel hin zu mehr Ermächtigung und Freiheit für die Leidtragenden auslösen. Doch der Preis ist meist hoch – existenzielle Konflikte und Bindungsverlust. Erst in den 80er Jahren wurde das Ausmaß sexueller Gewalt gegenüber Kindern durch Familienangehörige und Freunde enttabuisiert. Seitdem werden die Betroffenen ernst genommen und viele Familien sind an dem Thema zerbrochen, mit schmerzlichen Konsequenzen auch für die Kinder und Jugendlichen.

Ein Tabu zu berühren ist wie an eine unsichtbare Wand stoßen. Ein ganzheitlicher Zustand, unbewusst atmosphärisch erfassbar, sinnlich konkret und begleitet von intensiven Affekten wie Scham oder Ehrfurcht. Es gibt noch keine Worte dafür, keine einordnenden Gedanken.

Foto von MART PRODUCTION

In der Psychotherapie kann dieser Zustand mit einer Exploration in Trance hervorragend erforscht und integriert werden. Ausgehend von den Empfindungen und Gefühlen, z. B. Angst, werden die auslösenden sozialen Situationen mit ihren einschränkenden Rollen und Verhaltensmustern erkundet und zukunftsorientiert verändert. Über das Bemühen, die körperlichen Erfahrungen und Affekte sprachlich zu fassen, werden die eigene Identität und die Bindungen existenziell berührt. Wer bin ich jenseits des Tabus? Zu wem gehöre ich (nicht mehr)?

Die Konferenz mit dem sehr kränkbaren und cholerischen Chef. Niemand traut sich, ihm die wichtigen Informationen und Positionen zu präsentieren, die seinen widersprechen. Die Teilnehmerin, getriggert und konfrontiert mit den üblichen selbstabwertenden Gedanken („Du bist eben ein Niemand!“), defokussiert ihren Blick und lenkt die Aufmerksamkeit nach innen. Zeitlupenmodus – die Zeit steht still. Ressourcen etablieren: Sie sieht hinter dem Konferenzraum die Berge, in denen sie gerne wandert, und neben ihr sitzt ihre Oma, berührt sie mit der Hand und gibt ihr das Gefühl, so wie sie ist, gewollt zu sein. Dann ein Erkunden auf Körperebene: Was lösen diese Situation und die Beziehung zum Chef aus? Empfindungen wie Enge in der Brust, Spannung im Bauch, der Kopf dröhnt. Was wäre, wenn sie ihrem Unbewussten erlaubt, diese Empfindungen und Gefühle zukunfts- und lösungsorientiert zu verändern? Oder anders, wenn sie selbst liebevoll eine Hand auf ihren Bauch legt und sich diesen Empfindungen freundlich wohlwollend zuwendet? Eine Energiequelle im Bauch weitet den Brustraum, die Schultern lockern sich, der Kopf hebt sich, die Symptome sind nicht mehr spürbar. Und mit dem Körpergefühl verändern sich die Gedanken: Sich selbst wieder bejahen, bei sich sein und sogar eine besondere Stärke wahrnehmen. Aber auch das schmerzliche Bewusstsein, sich von diesem Chef lösen, sich vielleicht ganz neu orientieren zu müssen. Damit ist – zumindest für sie – das Tabu in der Konferenz aufgebrochen.

Für die ressourcenorientierte Hypnotherapie ist es vielversprechend, die positive Dimension von Tabus zu entschlüsseln und für Patient*innen in einer Trance erfahrbar zu machen: Was uns wichtig, was uns heilig ist. Selbst Menschen, die sich nicht spirituell verorten, kennen das Gefühl, mit etwas Unantastbarem in Kontakt zu kommen. Die Tür zu einem sakralen Ort wie einer gotischen Kathedrale führt wie in eine andere Welt. Der hohe Raum weitet den Blick nach oben zu den Buntglasfenstern. Der Geruch von Weihrauch, traditionelle Gesänge, das Wissen um jahrhundertealte Rituale lassen innehalten, heraustreten aus den Alltagssorgen, ein Zustand von Ehrfurcht entsteht. Auch Naturerlebnisse können diesen besonderen Erfahrungsraum von Heiligkeit bewirken, als ein Gefühl von Verbundenheit mit allem, als ein Bewusstsein von Werden und Vergehen, ein Befinden von Demut oder Dankbarkeit. Vom Tal hinauf auf eine Kette schneebedeckter Berge schauen, von einem Gipfel über die ausgedehnte Landschaft blicken, die Weite des Ozeans empfinden, den vielstimmigen Geräuschen im Dschungel lauschen.

Die Bedeutsamkeit von Tabu als uns Heiliges liegt in der Orientierung auf die eigenen Werte, auf Sinn.

Foto von Michael Dupuis

Sie ist Mitte sechzig und der Meinung, absolut nichts im Leben erreicht zu haben. Sie lebt von Grundsicherung, hat aufgrund ihrer psychischen Probleme niemals in ihrem Job als Pädagogin gearbeitet. Sie hatte nur kurze unbefriedigende Partnerschaften. Sie leidet unter diversen psychosomatischen und psychischen Symptomen. Erst die Frage nach Werten, nach dem Sinn ihres Lebens eröffnet eine deutliche Verbesserung ihrer Symptome. Als Älteste von fünf Geschwistern in einer traumatisierten und traumatisierenden Familie aufgewachsen, hat sie sich nicht nur um ihre Eltern, sondern auch um ihre jüngeren Geschwister gekümmert, sich kein eigenes Leben zugestanden. „Ich habe immer Liebe gegeben“ ist wie ein Leitwert, in dessen Dienst sie sich gestellt hat. Dies anzuerkennen ermöglicht ihr, sich von ihren selbstdestruktiven Gedanken und Verhaltensmustern zu lösen und sich mit Selbstfürsorge zu begegnen.

Die Ausrichtung auf Werte und Sinn lässt sich nicht nur auf Individuen, sondern auch auf Familien und Beziehungssysteme anwenden. Soziale Systeme weisen eine Vielfalt an tradierten Haltungen, Ritualen, Gestaltungsmustern auf, die in ihrer Wirkung einen positiven Zustand von Tabu auslösen können. Die Familienmitglieder kommen jeden Sommer für ein Wochenende zusammen, treffen nach und nach im Garten ein. Ein vertrauter, fast ritueller Ablauf gestaltet die Begegnungen. Das Sinnliche, typische Speisen und Getränke, Musik, Spaziergänge in der Natur laden zu einer tiefen Erfahrung von Geborgenheit und Zugehörigkeit ein.

(In beigefügter Aufstellung zu Familienressourcen werden diverse Kategorien gelistet, in denen Erfahrungspotenziale zu Tabu als Wichtiges, Heiliges aufgefunden werden können.)

Und als Ausblick auf unsere Zeit mit den großen globalen gesellschaftlichen, politischen und geostrategischen Themen lohnt es nicht nur, Tabus zu brechen, indem über die bevorstehenden Veränderungen – Paradigmenwechsel – gesprochen wird, sondern auch, indem mit einer Werteorientierung darüber gesprochen wird. Die KI füttern mit dem Besten, was das Menschsein ausmacht: Humanität, Kreativität, Weltverbundenheit, damit der Algorithmus dies lernt und vervielfacht. Das Schützen unserer Lebensgrundlagen, die Erde, die Natur, das Klima – der Elefant im Raum –, ins Zentrum des Bemühens um Entwicklung und Fortschritt stellen. Und indem der Fokus auf unsere Lebensgrundlagen und auf zukünftige Generationen gelegt wird, verändert sich das Verhältnis von Individuum und Gemeinschaft. Das Wir ist größer als das Ich. In seinem vielbeachteten Buch „Alles unter dem Himmel“ erinnert der chinesische Philosophieprofessor Zhao Tingyang (2020) an eine alte chinesische Kultur der Weltregierung und schafft gleichzeitig eine positive Utopie für die Zukunft.

Wie wäre es, wenn im Jahr 2126 am Forschungsinstitut der Weltregierung eine Studie unser aller erfolgreicher Einsatz für ein friedliches, gesundes und nachhaltiges Leben auf der Erde bestätigen würde?

Foto von Krystian Baran

Familienressourcen – Was uns wichtig ist, was uns heilig ist
Welche Erinnerungen in Bezug auf deine Herkunftsfamilie berühren dich besonders?

  • Bewegende Begegnungen mit wichtigen positiven Familienmitgliedern
  • Erinnerungen mit Natur und Tieren: Haustiere, Garten, Pflanzen
  • Umgang mit Einflüssen politischer und gesellschaftlicher Ereignisse, Arbeitswelten, Familienökonomie
  • Orte, Landschaften, Haus oder Wohnung, Ferienorte,
    z. B. Ort der Geborgenheit in der Familie, Reiseerinnerungen
  • Lebensgestaltung, besondere Kompetenzen, Problemlösestrategien, Entscheidungsfindung
  • Traditionen und Rituale, Feiern
  • Essen und Trinken, z. B. jahreszeitlich übliche Speisen und Getränke
  • Musik und Kunst, z. B. Kinderlieder, traditionelle Lieder
    Literatur, Bücher, Filme, die für Familienmitglieder bedeutsam sind
  • Symbolische Gegenstände, z. B. Möbel, Bilder, Andenken
  • Umgang mit Körperlichkeit, z. B. Bewegung, Gesundheit, Zärtlichkeit, Sexualität
  • Düfte, Klang der Stimmen
  • Gefühle, z. B. welche Emotionen werden gelebt?
  • Umgang mit Verlust, Krankheit, Tod, Schuld, Scham
  • Ereignisse der Freude, der Zuversicht, der Kraft, des Glücks
  • Spirituelle Orientierung, Religion
  • Werte, Sinn, moralische Haltungen, Lebenseinstellungen
  • Lebensträume, Lebensziele, Familienmythen
  • Familienrollen, Geschlechtsrollen, Positionen für Eltern und Kinder, Geschwister, erweiterte Familienmitglieder

Literatur: 

- Zhao Tingyang (2020) Alles unter dem Himmel. Vergangenheit und Zukunft der Weltordnung. Suhrkamp