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Vereinszeitung der Milton Erickson Gesellschaft

 Nr. 59

Scheitern als Ressource nutzen

Artikel von

Ina Hullmann

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Hypnosystemisch ein Tabuthema in Entwicklungskraft verwandelt

Scheitern gehört zu den stark tabuisierten Erfahrungen in unserer leistungsorientierten Gesellschaft. In Therapie, Coaching und Beratung wird es zwar thematisiert, jedoch häufig beschleunigt, relativiert oder vorschnell in Lernnarrative überführt. Was dabei oft keinen Raum bekommt, ist der Moment des inneren Zusammenbruchs: Jener Punkt, an dem vertraute Strategien nicht mehr greifen und Orientierung vorübergehend verloren geht.

Aus hypnosystemischer und hypnotherapeutischer Perspektive markiert genau dieser Moment jedoch keinen Defekt, sondern einen hochsensiblen Übergang. Scheitern zeigt an, dass ein inneres System an eine Grenze gelangt ist und dass bisherige Ordnungen ihre regulierende Funktion verlieren. Das eigentliche Tabu liegt nicht im Scheitern selbst, sondern darin, diesem Zustand Raum zu geben, ohne ihn sofort „lösen“ zu wollen.

Scheitern und das Tabu des Nicht-Gelingens

Scheitern ist eng mit Scham verknüpft. Fehler einzugestehen oder ein Ziel nicht zu erreichen, berührt grundlegende Themen von Selbstwert, Zugehörigkeit und Anerkennung. Gerade in leistungsorientierten Kontexten – besonders im Leistungssport – gilt es häufig als unausgesprochenes Gesetz, mentale oder emotionale Grenzen nicht sichtbar werden zu lassen. Scham wird dabei oft als persönliches Versagen interpretiert.

In meiner Praxis meldete sich ein männlicher Turner Mitte Zwanzig zu einer akuten Notfallsitzung an. Er befand sich in der Vorbereitung auf einen entscheidenden Wettkampf, hatte über viele Jahre auf dieses Ziel hingearbeitet und galt als äußerst diszipliniert, leistungsfähig und kontrolliert. Während eines Trainings kam es plötzlich zu einem Zusammenbruch: Er erlebte plötzlich Desorientierung, Zittern, Atemnot und das Gefühl, den eigenen Körper nicht mehr steuern zu können. Medizinisch zeigte sich kein auffälliger Befund, innerlich jedoch war das System vollständig überlastet. Er sprach von einem „totalen Blackout und Versagen“.

Für den Klienten war dieses Erleben zutiefst beschämend. Er beschrieb Gefühle von Ohnmacht, Kontrollverlust, von der Angst, „nicht mehr zu funktionieren“, und sein Umfeld enttäuscht zu haben. Besonders belastend war für ihn der Gedanke, eine persönliche Schwäche in Form eines „Blackouts“ gezeigt zu haben. Das eigentliche Tabu wurde hier deutlich: Nicht der körperliche und emotionale Zusammenbruch an sich war das Problem, sondern die Scham an eine innere Grenze gestoßen zu sein.

UtilisationWenn Scheitern zum Nährboden von Entwicklung wird

Bild © Ina Hullmann

Ein zentrales Prinzip der hypnosystemischen Hypnotherapie ist die Utilisation. Symptome, Zusammenbrüche und Rückschläge werden nicht bekämpft oder pathologisiert, sondern als bedeutungsvolle Informationen genutzt – als Ausdruck eines inneren Systems, das nach neuer Balance strebt. Scheitern wird dabei weder romantisiert noch abgewertet, sondern funktional verstanden – als Signal, dass eine bisher tragende Ordnung ihre Grenze erreicht hat. Wie der Lotus, der nicht trotz, sondern aus dem Schlamm heraus erblüht, entsteht Entwicklung nicht durch das Vermeiden des Schwierigen, sondern durch dessen bewusste Integration.

In der Notfallsitzung ging es daher nicht um Analyse oder Ursachenforschung, sondern zunächst um Stabilisierung und innere Ordnung. Mithilfe der Mentalen Kommode wurde das chaotische innere Erleben des Klienten sortiert: Bewertungen und Glaubenssätze wurden bewusst gemacht, Gefühle benannt, ohne korrigiert zu werden, und vorhandene Ressourcen gesammelt und gewürdigt. Allein diese Strukturierung wirkte deutlich regulierend.

Der Zusammenbruch verlor dadurch für den Klienten seinen bedrohlichen Charakter. Er verstand ihn nun als Schutzreaktion seines inneren Systems, das über lange Zeit ausschließlich auf Durchhalten, Kontrolle und Leistung ausgerichtet gewesen war, und genau dadurch den Übergang in eine neue, tragfähigere Ordnung ermöglicht hatte. In diesem Sinne wird Scheitern zur Ressource: Nicht als etwas, das überwunden werden muss, sondern als Ausgangspunkt für Veränderung. Dort, wo gewohnte Muster zusammenbrechen, entstehen neue Möglichkeitsräume für Lernen, Reorganisation und Entwicklung. Hypnosystemisch verstanden markiert Scheitern häufig den Beginn eines Transformationsprozesses – nicht trotz, sondern gerade wegen der Krise.

Aufmerksamkeit, Trance und Selbstregulation

Nach einem solchen Ereignis befinden sich viele Menschen in ausgeprägten Problemtrancen. Gedanken kreisen um Versagen, um Angst vor Wiederholung oder um Bewertungen durch Andere. Hypnosystemische Hypnotherapie fokussiert sich im Prozess darauf aus den kreisenden Problemtrancen systematisch Lösungs- und Ressourcentrancen zu gestalten.

Im nächsten Schritt wurde dem Klienten das Ampelmodell als Orientierungs- und Selbstregulationshilfe vermittelt. Er lernte, den roten Modus als Alarmzustand seines Nervensystems zu erkennen, nicht als persönliches Versagen. Gemeinsam wurden individuelle Frühwarnzeichen für diesen Zustand identifiziert sowie konkrete Möglichkeiten, bewusst in den gelben Ruhe-Modus zu wechseln, im Hier und Jetzt präsent anzukommen, den inneren Beobachter zu aktivieren, seinen Atem zu verlangsamen und aus einer erweiterten Perspektive auf das Geschehen zu schauen.

Der grüne Modus (Leichtigkeit und Flow) wurde ausdrücklich nicht als Ziel definiert, sondern als Zustand, der sich auf ganz natürliche Weise einstellt, wenn Kontrolle nicht länger erzwungen wird. Für den Klienten war diese Erkenntnis zentral: Regulation entstand nicht durch erneute Anstrengung, sondern durch das Zulassen von Pause, wertschätzender Wahrnehmung ohne Bewertung und seiner inneren Erlaubnis.

Scheitern begleiten – hypnosystemische Haltung in Therapie und Coaching

Die Begleitung von Klienten in Leistungskontexten erfordert eine klare hypnotherapeutische Haltung. Der erste Schritt besteht darin, emotionale Reaktionen nicht zu korrigieren oder zu beschleunigen. Gefühle wie Scham, Ohnmacht oder Angst benötigen Raum und eine Haltung von Würdigung und Augenhöhe, bevor sie sich transformieren können.

Hypnosystemisch bedeutet Begleiten, das Scheitern nicht gleich umzudeuten, sondern als sinnvolle Rückmeldung des Systems zu würdigen. Durch strukturierende Modelle und gezielte Aufmerksamkeitslenkung entstehen neue Möglichkeiten und Handlungsspielräume. Der Klient entwickelte schrittweise die Fähigkeit, seine inneren Zustände selbst zu verstehen und zu regulieren, unabhängig davon, wie der weitere sportliche Weg verlaufen würde.

Scheitern markierte damit keinen Endpunkt, sondern den Eintritt in eine neue Wachstumszone: Selbstreflektierter, differenzierter und langfristig belastbarer.

Fazit

Scheitern ist kein Makel, sondern eine Einladung zur bewussten Neuorganisation. Die Hypnosystemik ermöglicht einen würdigenden Umgang mit diesem Tabu, indem sie Scheitern nicht beschleunigt oder übergeht, sondern als bedeutsamen Übergang anerkennt.

Im Schatten des Scheiterns liegen oft jene Ressourcen verborgen, die für den nächsten Entwicklungsschritt entscheidend sind, vorausgesetzt, wir erkennen die verborgene Botschaft und sind bereit, achtsam und würdigend hinzusehen.

Praxiskasten: Das Ampelmodell zum Stabilisieren

Bild © Ina Hullmann

Schritt 1: Rot – Überlebensmodus erkennen
Nach einem Scheitern befinden sich viele Menschen im Alarm-Modus: Massive Selbstkritik und Ohnmachtsgefühle. Der erste Schritt ist Selbstwirksamkeit und Selbstregulation wieder herzustellen.

Symptome werden als Schutzreaktionen verstanden, nicht als Defekt. Ziel ist Benennung und Würdigung, nicht Bekämpfen des Symptoms.

Scheitern wird als Schutzsignal verstanden, nicht als Defizit.
→ „Ihr System hat versucht, Sie zu schützen.“

Schritt 2: Gelb – Beobachtermodus
Innere Ruhe durch Atemtechnik, neutral wahrnehmen statt bewerten, innerer Abstand zum Erleben. Gelb ist der Schlüssel zu Erleben von Selbstwirksamkeit.

Schritt 3: Grün – Leichtigkeit entstehen lassen
Grün bedeutet eine erweiterte Perspektive einzunehmen und zeigt sich als Gelassenheit, Gleichmut und Lebensfreude, wenn nichts mehr gehalten werden muss. Ziel ist die innere Beweglichkeit, die Grün ganz natürlich von selbst entstehen lässt.

Kernhaltung

Scheitern wird nicht repariert, sondern integriert. Aus dem, was zunächst als Bruch erlebt wird, können neue Ressourcen entstehen. So wie der Lotus, der aus dem Schlamm erblüht. Stabilität entsteht nicht durch Kontrolle, sondern durch innere Ordnung und Selbstwirksamkeit.

Foto von Engin Akyurt

Weiterführende Literatur:

1. Hullmann, I. (2023). Hypnosystemische Top-10-Tools: Mit Leichtigkeit wirksam werden in Therapie und Coaching. Stuttgart: Schattauer.


2. Hullmann, I. (2025). Hypnosystemisch wirksam: Impact-Methoden für die Praxis [Kartenset]. Stuttgart: Schattauer.


3. Schmidt, G. (2024). Einführung in die hypnosystemische Therapie und Beratung (11. Aufl.). Heidelberg: Carl-Auer.


4. Schmidt, G. (2023). Liebesaffären zwischen Problem und Lösung: Hypnosystemisches Arbeiten in schwierigen Kontexten (10. Aufl.). Heidelberg: Carl-Auer.