MEGaPhon

Vereinszeitung der Milton Erickson Gesellschaft

 Nr. 59

Wenn die Debatte lauter wird als die Menschen dahinter

Artikel von

Dr. Cornelie Schweizer

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Eine kritische Auseinandersetzung mit Raphael Bonellis Buch Tabu

Das neue Buch des Psychiaters und Neurowissenschaftlers Raphael Bonelli beginnt mit einem großen Versprechen: Endlich solle ausgesprochen werden, worüber – so der Autor – angeblich niemand mehr sprechen dürfe. Er suggeriert, das Schweigen brechen und zu einer offenen Debatte ermutigen zu wollen. Ein solches Versprechen weckt Interesse. Denn Tabus können Macht zementieren, Konflikte verdecken und verhindern, dass über schwierige Themen gesprochen wird.

Ein Buch über Tabus hätte deshalb das Potenzial, zum Nachdenken anzuregen. Es könnte zeigen, warum bestimmte Themen sensibel sind, welche Erfahrungen dahinterstehen und weshalb wir manchmal besonders sorgfältig mit Sprache umgehen sollten. Es könnte fragen, ob das eigentliche Problem tatsächlich darin liegt, dass bestimmte Dinge nicht mehr gesagt werden dürfen, oder vielmehr darin, wie wir über Menschen sprechen, die von diesen Themen unmittelbar betroffen sind. Umso enttäuschender ist es, wenn ausgerechnet dort, wo es um „verbotene“ Themen geht, der Blick auf die Menschen dahinter verloren geht.

Bonellis Buch Tabu, das als SPIEGEL-Bestseller große Aufmerksamkeit erhalten hat, benennt gesellschaftliche Spannungsfelder wie Migration, Queerness und Gendern, Abtreibung, Klimawandel oder die Corona-Krise – Themen, über die kontrovers diskutiert wird. Doch schnell entsteht ein irritierender Eindruck: Eine differenzierte Auseinandersetzung findet meines Erachtens kaum statt. Stattdessen werden die Themen zügig abgehandelt. Das Buch beschreibt, worüber angeblich nicht mehr gesprochen werden dürfe, fragt jedoch wenig danach, warum Menschen bei diesen Themen besonders verletzlich oder schutzbedürftig sind. 

Aber: Hinter jedem vermeintlichen „Tabuthema“ stehen Menschen mit Geschichten.

Migration etwa ist kein abstrakter Begriff. Es gibt nicht „die Migranten“ – oder in meiner Sprache: „Migrant:innen“ – als homogene Gruppe, über die sich gesellschaftspolitische Thesen formulieren lassen. Es handelt sich um Menschen, die vor Krieg, Folter oder Verfolgung fliehen. Um Eltern, die mit ansehen mussten, wie ihre kleinen Mädchen zu Tode vergewaltigt wurden, und die mit den überlebenden Kindern migrieren, um sie zu schützen. Um diejenigen, denen aufgrund ihrer sexuellen Orientierung oder Geschlechtsidentität soziale Ächtung, Gefängnis oder Tod drohen. Um Familien, die fliehen, weil ihre Kinder aufgrund ihrer Armut keine Bildungs- und Zukunftsperspektiven haben. Um Frauen, die den gefährlichen Weg übers Mittelmeer wählen, um ihre Töchter vor drohender Genitalverstümmelung zu bewahren, nachdem sie diese selbst erleiden mussten und häufig schon Freundinnen, Schwestern oder Töchter infolge dieser Praktik verloren haben.

Foto von Ahmed akacha

Wenn Bonelli über Migration spricht, ohne diese konkreten Schicksale mitzudenken, wird aus Menschen ein gesellschaftliches Reizwort. Der Umgang mit Migration ist dabei nur ein Beispiel für ein grundsätzliches Problem des Buches. Auch bei anderen Themen wären weniger Schlagworte und mehr Austausch wünschenswert...

Wer etwa das Gendern kritisiert, sollte mit nonbinären Menschen sprechen, die schildern können, wie es sich anfühlt, wenn die eigene Identität permanent durch Sprache ausgeblendet wird. Wer über Schwangerschaftsabbrüche schreibt, sollte Frauen zu Wort kommen lassen, die sich für diesen Schritt entschieden haben – nicht, weil dies eine einfache Lösung war, sondern weil sie sich nicht vorstellen konnten, ein ungewolltes Kind auszutragen und großzuziehen. Diese Beispiele ließen sich fortsetzen. 

Foto von Polina Tankilevitch

Hinter gesellschaftlichen Streitfragen stehen Menschen mit konkreten Erfahrungen, die Bonelli weitgehend ausblendet. Durch diese Leerstellen entsteht der Eindruck, als liege das eigentliche Tabu des Buches gerade dort, wo es um die Menschen hinter den Debatten geht: Ihre Erfahrungen, ihre Verletzlichkeit und ihre Lebensgeschichten ernst zu nehmen. Ihre Biografien werden zu Kategorien, einzelne Leben zu einer (rechts?)-politischen Projektionsfläche. 

Gerade ein Buch über Tabus verlangt nach einer besonders sorgfältigen Sprache. Sprache entscheidet darüber, ob Menschen gesehen oder unsichtbar gemacht werden. Mich hat deshalb irritiert, wie wenig reflektiert diese sensiblen Themen abgehandelt werden. Wo Differenzierung nötig wäre, entsteht der Eindruck einer schnellen Einordnung: Das Tabu wird benannt, die Kontroverse beschrieben, doch die entscheidende Frage bleibt offen: Was bedeutet dieses Thema für diejenigen, deren Leben davon geprägt ist? Solche Themen verlangen nach einer Sprache, die vor allem anerkennt. Denn manchmal ist Vorsicht keine Zensur, sondern Respekt, den gerade helfende Berufsgruppen in besonderem Maß aufbringen sollten: Ärzt:innen sollten anders über Erkrankungen sprechen als jemand, der sie nur aus Statistiken kennt. Therapeut:innen sprechen – hoffentlich – anders über Traumata als Menschen, die nur darüber gelesen haben. 

Vielleicht liegt genau darin das Paradoxon eines Buches über Tabus: Wer vor allem darüber spricht, was angeblich nicht gesagt werden dürfe, läuft Gefahr, diejenigen zu überhören, die der Grund dafür sind, warum wir sorgfältig sprechen sollten. Mein Interesse an diesem Buch war groß – nicht zuletzt, weil das Thema „Tabu“ den Schwerpunkt des aktuellen MEGaPhons bildet und die Frage, was verschwiegen wird und warum, gesellschaftlich und auch in unserer M.E.G.-Gesellschaft relevant ist. Umso größer war meine Enttäuschung. Das Buch hat mich wütend gemacht, weil es die Menschen aus dem Blick verliert, um die es eigentlich gehen sollte. Ich hätte mir keine Aufzählung vermeintlich verbotener Themen gewünscht, sondern eine ernsthafte Annäherung an die Lebenswirklichkeiten derjenigen, deren Erfahrungen hinter diesen Debatten stehen.

Denn die wichtigste Frage bei jedem Tabu sollte nicht lauten: „Warum dürfen wir darüber nicht sprechen?“ Sie sollte lauten: „Wer ist betroffen – und wie sprechen wir über - oder besser - mit diesen Menschen, ohne sie ein weiteres Mal zu verletzen?“

Ein Buch über Tabus braucht deshalb nicht nur Mut zum Widerspruch. Es braucht vor allem Empathie. Denn am Ende geht es nicht um Tabus. Es geht um Menschen.