MEGaPhon

Vereinszeitung der Milton Erickson Gesellschaft

 Nr. 59

Editorial

Artikel von

Dr. Cornelie Schweizer 

Liebe Leser:innen,

schon im letzten Sommer hatte sich unser Redaktionsteam auf ein neues Schwerpunktthema geeinigt: Tabus in der Psychotherapie! Wie werden bestimmte Themen zu Tabus und warum? Was passiert, wenn wir uns erlauben, Tabus zu brechen?

Eng hiermit verwandt sind auch die Begriffe Verbot und Unter-den-Teppich-Kehren – aber sie meinen nicht dasselbe. Stellen wir uns vor, Verbot, Unter-den-Teppich-kehren und Tabu begegnen sich: Das Verbot tritt vor, es trägt ein Schild und sagt: „So nicht, sonst gibt’s böse Konsequenzen!“ Verbote sind sichtbar, ausgesprochen und eventuell auch gesetzlich geregelt. Sie schaffen Orientierung und setzen Grenzen.

Dann erscheint das Unter-den-Teppich-Kehren und lächelt freundlich: „Da schauen wir einfach weg.“ Doch unterm Teppich sammeln sich Schmutz, Scherben und offene Fragen. Von außen wirkt alles sauber, aber der Boden wird mit jedem Schritt instabiler.

Schließlich kommt auf leisen Sohlen das Tabu. Es flüstert: „Darüber sprechen wir nicht.“ Niemand hat es ausdrücklich festgelegt und doch sind die meisten sich einig, dass bestimmte Themen besser unausgesprochen bleiben – aus Scham, Loyalität oder weil die möglichen Folgen schwer abschätzbar sind.

Da fragt jemand: „Wer von euch ist am gefährlichsten?“

Die drei schweigen.

Sie sind nicht immer schlecht.

Verbote schützen häufig: Das kurzfristige Verdrängen kann eine notwendige Pause bieten, wenn Menschen Kraft für den nächsten Schritt sammeln müssen. Und Tabus können Werte bewahren. Problematisch wird es, wo vermeintlicher Schutz in dauerhaftes Schweigen kippt und Tabus verhindern, dass über Leid, Ungerechtigkeit und Missbrauch gesprochen wird. Was unter dem Teppich liegt, verschwindet nicht. Es wirkt weiter, gerade weil es nicht gesehen und besprochen wird.

Psychotherapie setzt hoffentlich häufig genau dort an. Sie schafft einen Raum, in dem das Unsagbare Sprache finden darf. Veränderung beginnt oft dort, wo etwas erstmals ausgesprochen werden kann.

Diese Fragen betreffen auch unsere Profession selbst: Auch in Fachgesellschaften und therapeutischen Gemeinschaften sind das Tabu und seine Verwandten gute Bekannte. Diesbezügliche Selbstreflexion ist deshalb eine zentrale Voraussetzung professionellen und menschlichen Handelns.

Auch in dieser Ausgabe des MEGaPhons bleibt einiges nur angedeutet. So entstehen Leerstellen, in denen der rote Faden ins Stocken gerät. Seine Farbe steht für Liebe, Lebendigkeit und Sexualität, manchmal für Solidarität... zugleich aber auch für Warnung und Grenzsetzung. Er verbindet nicht nur, er markiert auch: Hier endet etwas, hier beginnt etwas.

Wichtig ist, zu unterscheiden: Welche Grenzen schützen? Welche bewahren Würde? Und welches Schweigen verhindert Erkenntnis, Aufarbeitung, Veränderung und Schutz vor Wiederholung?

Die Beiträge dieses MEGaPhons laden dazu ein, Tabus aus verschiedenen Perspektiven zu betrachten – als kulturelles Phänomen, therapeutische Herausforderung und Spiegel unserer eigenen Gemeinschaft. Veränderung ist kein Ereignis, sondern ein Prozess und beginnt oft mit einem Satz, einer Frage und dem Mut, genauer auf die Leerstellen zu blicken.







Vielleicht lädt gerade diese Leere dazu ein, sich zu fragen:

Welches Tabu beschäftigt mich? Worüber wird in meinem beruflichen oder persönlichen Umfeld zur Zeit noch geschwiegen? Und möchte ich dazu beitragen, dass es eines Tages transparent gemacht werden kann?

Mit diesen Gedanken wünsche ich Euch eine anregende Lektüre der 59. MEGaPhon-Ausgabe – verbunden mit der Hoffnung, dass sie Fragen aufwirft und die Zivilcourage stärkt, dort hinzuschauen und zu sprechen, wo bislang noch ungutes Schweigen den Ton angegeben hat.

Herzliche Grüße,

Dr. Cornelie Schweizer fürs MEGaPhon-Team


Abschließend möchte ich Ihnen unser MEGaPhon-Team vorstellen:

Ich bin die Herausgeberin und Vorständin für den Bereich Öffentlichkeitsarbeit, Dr. Cornelie Schweizer.

Dr. Alina Haipt ist für die Redaktion zuständig.

Betty Niederauer sorgt für Konzeption und Lektorat.

Um das Webdesign und die Programmierung kümmert sich Mirjam Fischer,

dieses Jahr unterstützt von Semi Victor und Jeonghyeon Kim.

Regina Stauß entwickelte Style und Grunddesign.