MEGaPhon

Vereinszeitung der Milton Erickson Gesellschaft

 Nr. 59

Tabu 2

Artikel von

Kerstin Graf

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Ich habe einen Artikel über das Schwerpunktthema Tabu geschrieben. Aber manchmal sind selbst Artikel zu Tabus tabu. Daran kann man die Trag- und Reichweite dieses Themas ablesen ...

Also schreibe ich noch einmal etwas. Über ein Tabuthema. Ich fürchte, die folgenden Zeilen werden wieder schmerzen. Aber ist das nicht das Wesen von Tabubruch? Dass es weh tut? Also:

Zahlen

Was ist das nur mit den Zahlen? Neulich war ich auf einer Tagung eingeladen. Ich sollte sogar selbst einen Workshop halten. Die Buchstaben der Veranstaltung „M.E.G.“ standen und stehen in meiner Welt (zumeist) noch für „Menschlichkeit“. „Einzigartigkeit“. „Gelassenheit“. Einfach, weil ich das an diesem Ort oft so erlebte. Aber vielleicht habe ich ja auch einen völlig durchgeknallten Fokus, Leute. Fast kam ich ein wenig auf die Idee, als mir das mit den Zahlen auffiel.

Als ich einen Kollegen fragte, wie sein Workshop gelaufen sei, antwortete er, neben vielen vielen anderen Worten auch, „Es habe ihn ein wenig genervt, weil da so wenige Leute zum Zuhören gewesen seien. Nur plusminus 50!“ Ich selbst war zum ersten Mal eingeladen einen Workshop zu halten. 40 Menschen waren angemeldet. Ich antwortete, es sei immer eine Frage, von wo man schaue. „Stimmt“ antwortete er, „letztes Mal waren bei mir weit über 200 Leute!“

Ein anderer Kollege, auch zum ersten Mal als Vortragender dabei, freute sich sehr. Da gab es diese kleinen Dreiecke, die Angaben darüber enthielten, wie viele Zuhörende anwesend sein würden – unter anderem!! Manche der Dreiecke hatten einen Punkt, andere hatten zwei Punkte und wieder andere hatten drei Punkte. Immer neben den jeweiligen Referenten und Referentinnen. Die überschwänglich ausgedrückte Freude – ja beinahe der Stolz – des Kollegen, lagen darin begründet, dass in seinem Dreieck drei Punkte waren. Und: Dass er – jetzt mal in Punkten – damit „weit vor den meisten anderen mit den ganz ganz großen Namen lag“. Das hat er mir dann auch ganz ganz ausführlich erklärt. Dabei das kleine Heft mit all den Namen und all den Dreiecken und Punktenindendreiecken genau gezeigt. Während ich stumm lauschte, dachte ich bei mir: „Ej, Du Voll..., es geht dabei um die Raumbelegung! Da sind Räume mit vielen vielen Plätzen und Räume mit wenigen Plätzen.“ Gesagt habe ich das nicht.

Wir Leute in dieser Gesellschaft sprechen richtig oft davon, dass „alles, was kommt, gut ist – auf seine eigene Art und Weise – und jeder der kommt, besonders“. Ich liebe das. Dieser Gedanke ist es, der mich Jahr für Jahr dazu bringt, wiederzukommen. Nur eines frage ich mich: Wo wir das doch alle wissen und auch, dass die Referenten und Referentinnen, die da oben auf der Bühne stehen, in ihrem aktuellen Rahmen das Allerbeste geben. Was bringt uns dazu, uns nach der Veranstaltung hinzusetzen und eine Note drauf zu schreiben – von 1 bis 6. Irgendwie erinnerte mich das an was.

Wie gesagt. Auch ich hielt einen Workshop. Und ganz ehrlich: Wenn ich meinem Gefühl halbwegs trauen darf, dann war das keine besonders reife Leistung, was Struktur, Information, PowerPoint Präsentation usw. betraf. Nach dem Workshop schrieb mich eine Teilnehmerin an. Für sie hatten die drei Stunden dennoch etwas sehr sehr Wichtiges und unglaublich Besonderes angestoßen. Ich war sehr berührt. Ich habe jetzt auch eine Zahl: 1! Ein Mensch!

Foto von Anna