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Vereinszeitung der Milton Erickson Gesellschaft

 Nr. 59

Hypnose - mehr als eine Intervention

Artikel von

Anne M. Lang

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Tabus in der Psychotherapie, Hypnotherapie und Supervision

Margarete und Alexander Mitscherlich beschreiben in ihrem Buch „Die Unfähigkeit zu trauern“ Tabus so: „Es ist unmöglich sie auszusprechen oder gar zu denken.“ Es handelt sich um starke kulturelle Verbote über soziale Interaktion, die man tabuisiert. Sie gelten unausgesprochen, es fehlen sogar Begriffe dafür, und sie sind dennoch alltäglich. Sie sind nicht unbedingt gesetzlich geregelt, wirken unbewusst und sind mit Scham, Angst und moralischer Bewertung verbunden. Tabus sichern aber auch Hierarchien und Rollen, da Tabubrüche nicht öffentlich gemacht werden. Umgangssprachlich sagen wir „No-Gos“, deren Nichteinhaltung mit Scham, Schuld und moralischem Versagen belegt ist. Es gibt die gängige Metapher vom „Elefanten im Raum“ zum diffus Unaussprechlichem, aber Bemerktem.

Kein Artikel über Tabus ohne Beispiele von Tabu und Tabubrüchen:

Zum Beispiel in Kliniken: In meiner ersten Arbeitsstelle, einer Psychiatrieklinik, wurde „Narco-Analyse“ angewandt. Wiederholt kam es zu sexuellen Übergriffen durch den Klinikchef während dieser Therapie. Damals, 1978, war sexueller Missbrauch in der Psychotherapie absolut „kein Thema“. Obwohl es zu Anklagen kam, wurde der Behandler jeweils freigesprochen. Ich kündigte diese Arbeitsstelle, ohne dass das Thema offengelegt wurde.

Foto von Anete Lusina

Zum Beispiel: Wie sieht es heute in den Therapiezimmern aus?

Psychotherapie ist eine einmalige, einseitige Kommunikationssituation mit Regeln, Rollen und verantwortlichen Grenzen. Wer verführt hier u.U. wen und wer hat hier die Macht? Was ist, wenn sich Patient*innen in Therapeut*innen verlieben oder umgekehrt? Wie ist das ansprechbar? Wie geht es weiter?

Überhaupt: Wie denken Patient*innen über Therapeut*innen? Können sie ansprechen, wenn sie sie für unfähig halten, für zu erschöpft? Wenn sie sich ärgern über ein Vorgehen oder das Ausfallhonorar? Werden solche Themen nicht angesprochen, blockiert es die Kommunikation. Therapeut*innen haben darauf zu achten: „Was passt jetzt gerade nicht für Sie?“ „Welches Thema ist schwer auszusprechen, aber dennoch da?“ Es geht nicht darum, andere zu entlarven, sondern das Ansprechen zu ermöglichen.

Wer bestimmt das Ende einer Therapie, eines Coachings? Wer spricht es mit welcher Implikation an? Scheuen sich Therapeut*innen oder Coaches womöglich, das Ende anzusprechen, denn damit endet ihre Honorar-Einnahme? Deshalb gilt als ein Kriterium für gute Veränderungsarbeit, dass man nicht auf die einzelne Honorareinnahme angewiesen ist.

Foto von Alex Green

Grenzen in der Hypnose/Hypnotherapie?

Zum Beispiel in der medizinischen Behandlung: In der zahnärztlichen Praxis, oder Anästhesie ist Berühren zur Induktion völlig gängig und hilfreich. Der Kontakt ist punktuell und begrenzt. Berührung führt hier zur schnellen, direktiver eingeleiteten Trance. In einigen Zahnarztpraxen laufen bei Hypnoseinduktionen Kameras als Schutz für beide Seiten mit. Im medizinischen Zusammenhang sind üblicherweise Helfer*innen anwesend.

Wie aber ist es im langfristigen Psychotherapieprozess mit persönlichen Inhalten? Hier duzt man nicht. Man berührt sich nicht. Man stellt keine privaten Kontakte her. Aber die Grenzen sind schwimmend. Wir berühren in der Kinderpsychotherapie z.B. bei der Zauberhandschuh-Induktion. Ab welchem Alter nicht mehr? Wie passt es zu Alter, Geschlecht und dieser Patient*in? In einer Behandlung berühre ich u.U. zur Vertiefung der Handlevitation oder duze u.U. in tieferer Hypnose - Regressionsarbeit, um dann wieder nach der Reorientierung zum „Sie“ zu wechseln. Ich bin dann ganz in einer Behandler*innen-Rolle. Wie aber das einkalkulieren und bemerken, was wir auslösen? Gerade die Ausübung von Hypnose, die auch ohne Approbation und dann ohne Kammerkontrolle ausgeführt wird, stellt die Frage: Wohin sich bei Missbrauch wenden? Eine Anzeige erfordert in jedem Falle Information und Mut. Scham, Schuld, Unkenntnis kann die Anzeige verhindern.

Zum Beispiel: Wie ist es mit sexuellen Kontakten zwischen Lehrenden und ihren Teilnehmer*innen? Ist das nur ein Kavaliersdelikt oder ist es Missbrauch von Abhängigkeiten bzw. einer kontextuellen Machtasymmetrie, die zu reflektieren ist, auch wenn sie von den Beteiligten völlig anders eingeordnet wird? Dazu gibt und gab es Fälle im Laufe meiner Berufsjahre, die - mehr oder weniger bekannt - angezeigt wurden, zu Konsequenzen führten, oder aber ignoriert wurden. Spricht man das an oder scheut sich aus Angst, sich unbeliebt zu machen, sich einzumischen, als prüde oder bigott abgestempelt zu werden? Schließlich sind doch alle für sich verantwortliche Erwachsene?

Es ist gerade ein Charakteristikum von Tabus, dass eben nicht so klar ist, wie man damit umgehen soll und es Mut kostet, sie zum Ausgesprochenen zu machen.

Zum Beispiel: Tabuthemen in der Supervisions-Gruppe der Kolleg*innen:

Aus den Supervisionen von Teams weiß ich, wie schwer es ist, den „Elefanten im Raum“ anzusprechen, z.B. bei verordneter, eigentlich abgelehnter Supervision oder Konflikten mit der Leitung. Alle blocken in Form des unausgesprochenen Gruppendrucks. Die Supervisorin läuft gegen eine Wand des Schweigens.

Da helfen systemische Veranschaulichungen als Einladung, über etwas zu sprechen. „Wie kann man den Elefanten im Raum in der Veranschaulichung darstellen?“ “Was bewirkt er? Was wäre ohne ihn? Wer dürfte das aussprechen? Was würde passieren, wenn es gesagt würde? Wie würde sich die Situation verändern?“ Nähern wir uns so, dann entsteht wieder mehr Freiheit. In gemischten Teams habe ich in Team-Supervisionen von Beratungsstellen auch ganz „offene“ Tabus mitbekommen, z.B., dass hier gleichwertig erlebte Arbeit berufsgruppenspezifisch unterschiedlich bezahlt wird und das als ungerecht erlebt wird. Die Supervisorin muss unparteilich bleiben als Moderation, auch wenn sie selbst einer der betroffenen Berufsgruppen angehört. “Wie sehr steht das störend im Raum? Wann stört es am meisten? Was wurde schon gemacht, um es zu ändern?“

Zum Beispiel in der Supervisionsgruppe der Therapie-Kolleg*innen: Darf ich da fachliche Unsicherheit offen aussprechen, Versagensdruck, innere Leere, den Wunsch nach Bestätigung, oder Zweifel und ein Versagensgefühl, wenn Patient*innen abbrechen oder zu einer anderen Therapeut*in gehen? Wie bringe ich ein, dass sich ein/e Patient*in suizidiert hat und ich mir Vorwürfe mache?

Foto von SHVETS Production

Zum Beispiel: Tabus im Coaching:

Der verheiratete Chef, der eine heimliche Beziehung zu einem Teammitglied pflegt und diese in der Wahrnehmung der anderen bevorzugt, was diese mit Ausschließen der Kollegin quittieren. Früher galt, Chefs gehören nicht in die Teamsupervision, damit das Team offen über die Konflikte mit der Leitung reden kann. Systemische Supervision bezieht gerade diese Leitung mit ein, damit zusammen darauf geblickt werden kann. Hier zeigt eine Systemdarstellung und der Abgleich zum Gewünschten die Interaktionsmuster im Team.

Zum Beispiel in der Gruppentherapie:

Gerade hier ist ein Klima durch Moderation herzustellen, in dem die Themen des Lebens überhaupt erst einmal einen Raum bekommen. Für Sicherheit zu sorgen, einen „geschützten Raum“ mit einem Klima, in dem etwas sagbar wird - nicht nur in einer Sitzung, sondern generell. Gruppenregeln, durch die Menschen sich gegenseitig verantwortlich öffnen können, statt zu (ver)urteilen oder zu diagnostizieren. Es geht darum, einander zuzuhören und offen entscheiden zu können, ob Geheimnistabus eingebracht werden - wie Suizidalität, Suizidversuche, Abtreibungskonflikte, Gewalttätigkeit in der Familie, alle Arten von Sucht, wie Porno-, Alkohol-, Spielsucht, Gefühle wie Neid, Missgunst, unmoralische Wünsche, auch Morde in der Familie, Pädophilie und anderes, was als unaussprechlich gelten könnte.

Wie ist es aber anzusprechen und zu markieren, wenn etwas nicht angegangen wird? „Es wirkt, als gäbe es ein Thema, um das wir kreisen ohne es anzusprechen. Manche Menschen kennen diese Gedanken und das aus nachvollziehbarem Hintergrund. Ich kann mir vorstellen, dass es Gedanken und Gefühle gibt, die nicht zu dem passen, wie man gesehen werden will. Jede Person hat Geheimnisse, die sie erst einmal nicht einbringt. Was sind die Ihren? Gedanken müssen hier nicht gut oder richtig sein, sie dürfen erst einmal da sein. Was bräuchte man, um es zu sagen? Was ist der Unterschied zwischen innerem Wissen und offenem Aussprechen? Könnte es gut sein, es für sich zu behalten und was könnte gut daran sein, zu reden? Was wäre das Unbequemste, das hier von Ihnen ausgesprochen werden könnte?“

Diese Formulierungen können hilfreich sein. Wichtig ist eine wertfreie Kommunikation zu benutzen. Geht es um langsames Annähern oder ein direktes „Offen-Heraus“ damit? In jedem Fall ist wichtig, die eigene Entscheidung und Selbstbestimmung zu behalten. Beziehung geht hier vor Konfrontation und Interpretation. Die Gruppe ist dann ein System, in dem erste Schritte der Öffnung gemacht werden. Ohne diese Öffnung bleibt die Kommunikation oberflächlich. Die Auftragsklärung heißt: Wie will ich für mich die Gruppe nutzen?

Zum Beispiel im Mehrpersonensetting einer u.U. Generationen übergreifenden Familientherapie: Wie oft höre ich: „Wir können überhaupt hier erst miteinander reden, ohne dass es direkt zu Streit kommt.“ Oder auch, „wir können nur hier reden, zu Hause ging es nie.“ Oder: „Wie die Anderen, die Kinder, Eltern es sehen, wussten wir überhaupt nicht.“ Dann hat sich dieses Mehrpersonensetting schon gelohnt.

Foto von Tima Miroshnichenko

Zum Beispiel: Paare sagen oft in der Paartherapie: „Zuhause miteinander geht es nicht mehr“. Ein Thema ist hier auch die heimliche Unterschiedlichkeit des Auftrages, wenn sich z.B. ein/e Partner*in schon aus der Beziehung verabschiedet hat, während der oder die noch andere hofft, dass die Paartherapie weiterhilft. Therapeut*innen werden auch schnell überfahren mit Seitengesprächen: „Ich möchte aber nicht, dass Sie das ins Paargespräch einbringen.“ Damit ist die Gleichheit nicht mehr gewährleistet. Oder folgende Situation: Eine/r flirtet mit dem therapeutischen Gegenüber.

Foto von Vitaly Gariev

Im Bonner Ressourcen Modell gibt es die Meta-Instruktion an Therapeut*innen: „Nutze es und mache eine Frage daraus!“ Diese könnte beim letzten Beispiel lauten: „Wie offen flirten Sie mit anderen in und ohne Anwesenheit des/der Parter*in?“ und an diese/n: „Merken Sie das und was machen Sie dann?“ Das Bonner Ressourcen Modell mit seinen drei Arbeits-Dimensionen hat hier einige Hilfsmittel parat. Fragen dazu mit der Assoziation in die Zukunft: „Wie wäre es ohne Tabu?“ Oder der dissoziative Blick auf die Problemsituation: „Wie ist jetzt es mit dem Tabu?“ Zusätzlich ist bei diesem Thema die individualisierte Schleifenarbeit der Modifikation wichtig. Die Prozessarbeit klärt die Ausrichtung, Motivation und Zuversicht dazu: „Und wird es besser sein, wenn das Tabu aufgedeckt ist?“

Je mehr ich darüber nachdenke, umso mehr Situationen aus der psychologischen Arbeit fallen mir ein. Sie kommen in Relation dazu eher selten in der Lehre, Weiterbildung, Supervision von Psychotherapie und Coaching vor. Das zeigt bereits schon, dass Tabus eben Tabus sind und oft bleiben.