Nr. 59
Witz und Tabu
Artikel von

Ortwin Meiss
Auf der letzten M.E.G.-Jahrestagung tritt ein Bauchredner auf, ein Herr älteren Baujahrs. Zwar als Bauredner ein Talent produziert er jedoch einen Altherren-Witz nach dem anderen. Einige davon sexistisch und manche frauenfeindlich. Die Anwesenden sind irritiert, viele reagieren verärgert und verlassen genervt oder empört den Saal. Ihm wird dies durchaus bewusst, aber offensichtlich ist er an sein Programm gebunden und hat nichts anderes im Repertoire. Ein Auftritt zum Fremdschämen! Meine Sitznachbarin amüsiert sich prächtig, da ich ihr die Pointen der Witze, die ich selbst von früher noch kenne, immer vorwegnehme. Lustig, wenn es so kommt, wie vorhergesagt. Lustig, gerade wenn man bedenkt, wie unpassend und unlustig seine Witze heute empfunden werden.
Die Zeiten ändern sich und auch die Akzeptanz von Witzen ist von diesem Wandel nicht unberührt. Mancher Witz, über den früher gelacht wurde, wirkt heute befremdlich oder peinlich. Witze über andere Ethnien oder Minderheiten sind in Deutschland in intellektuellen, liberalen Kreisen heute ein No-Go.
Die Wirkung von Witzen ist außerdem kontextgebunden. Witze über Randgruppen oder andere Kulturen sorgen in der Mehrheitsgesellschaft oft für Amüsement. Ist jedoch einer derjenigen, über die sich lustig gemacht wird, anwesend, kann dies zur Peinlichkeit werden. Witze über Anwesende zum Besten zu geben und diese damit lächerlich zu machen oder herabzuwürdigen, ist in einer aufgeklärten, egalitären Gesellschaft ein Tabu. Der Witz: „Ein Bulgare, ein Russe und ein Rumäne sitzen im Auto. Wer fährt?“ Antwort: „Die Polizei!“ wäre in Anwesenheit einer dieser Volksgruppen taktlos und deplatziert.
Manche Witze haben die Funktion, sich über andere zu erheben und das eigene Selbstwertgefühl zu stärken oder zu schützen: Indem man diejenigen abwertet, über die man sich lustig macht, erhebt man sich über diese. Selbst innerhalb der eigenen Volksgruppe wird eine Gruppe gesucht, über die man sich lustig machen kann. In Österreich sind es die Burgenländer, in der Schweiz die Appenzeller und in Deutschland z.B. die Ostfriesen:
Sitzen zwei Ostfriesen in der Kneipe vor einem großen Wandspiegel. Sagt der eine zum anderen: „Du schau mal, die beiden da, ich glaub, die kenn ich!“ „Ja,“ sagt der andere, „ich glaub, die sind aus unserem Dorf.“ „Stimmt, - ich geh mal rüber.“ „Ach bleib sitzen, der eine kommt gerade.“
Das dies keine ernstgemeinte Beschreibung von Ostfriesen ist, wissen auch diejenigen, die einen solchen Witz erzählen.

Foto von Pressmaster
Auch Berufsgruppen werden lächerlich gemacht. Man kann damit seinen eigenen Selbstwert im Vergleich zu diesen Gruppen steigern. Unter den Psychologiestudenten kursierte zu meiner Zeit der Witz:
„Ein Psychologiestudent, ein Jurastudent und ein Medizinstudent bekommen das Telefonbuch zum Auswendiglernen. Der Psychologiestudent fragt: Warum? Der Jurastudent: Wie viel? Und der Medizinstudent: Bis wann?“
Den Psychologiestudenten war durchaus bewusst, dass es den Juristen und Medizinern leichter fiel, sich durch einen öden Lernstoff zu wühlen. Verständlich erscheint dann das Bedürfnis, sich über diese lustig zu machen.
Witze schaffen über das gemeinsame Lachen ein Zugehörigkeitsgefühl. Gleichzeitig kann man sich über den Witz von anderen abgrenzen. Das gemeinsame Lachen dokumentiert ein gemeinsames Wertesystem.
So fragwürdig die Tendenz sein mag, zur Stärkung des eigenen Selbstwertgefühls andere lächerlich zu machen, so ist der Witz doch ein Werkzeug, sich gegen Macht und Unterdrückung zu wehren. In Diktaturen und ähnlichen Regimen sind Witze über die Herrschenden beliebt und gleichzeitig gefährlich. Man versucht damit, die Obrigkeit abzuwerten. Sie sind ein Zeichen des Widerstands gegen das vorherrschende politische System:
Die Stasi verhört einen Kirchengänger. "Wenn Du die Füße von Jesus küsst, würdest Du auch die Füße von unserem Genossen Honecker küssen?" "Warum nicht, wenn er da hängen würde."
Aus Heil Hitler wurde »Heilt Hitler!«. Zu Zeiten des Nationalsozialismus gab es in Berlin sogenannte Witzgerichte gegen jene, die es wagten Witze über das NS-Regime zu machen.
Am 3. November 2011 erschien in der französischen Satirezeitung Charlie Hebdo eine Anspielung auf die Scharia »100 Peitschenhiebe, wenn Du nicht vor Lachen stirbst« hieß es da. Es folgte ein Brandanschlag auf die Redaktion. Die Zeitung veröffentlichte daran anknüpfend die sogenannten Mohammed-Karikaturen mit dem Hinweis, dass in einer Demokratie Satire und Witze über die Religion erlaubt sein müssen. 2015 kam dann der Terroranschlag gegen die Redaktion der Zeitschrift, bei dem zwölf Menschen erschossen wurden. Radikale Islamisten sahen in den Karikaturen eine Verhöhnung des Propheten und ihrer Religion.
Für das Verlachen und das Verhöhnen bestimmter Glaubensinhalte gibt es den Begriff der Blasphemie. Darf man also über Religion Witze machen? Manche verstehen da keinen Spaß. Witze über die eigene Religion empfinden sie als Affront: „Jesus ist Karfreitag gestorben.“ „Was ein Pech, so kurz vor Ostern!“ Da der Glaube auf wenig wissenschaftlichem Boden steht, kann es für einen Gläubigen irritierend sein, wenn man sich über ihn lustig macht.

Foto von Matthew Tabone
Auch religiöse und moralische Instanzen werden von vielen als autoritär und unterdrückend empfunden. Witze über die Unvollkommenheit der Religionshüter sind beliebt. Manche harmlos, andere offensiv die Missstände und den Machtmissbrauch innerhalb der Kirche thematisierend. Wieder andere zielen auf die Doppelmoral:
Pfarrer zum Kollegen: „Meinst Du, wir erleben noch, dass das Zölibat abgeschafft wird?“ „Wir sicher nicht, aber vielleicht unsere Kinder!“
In Umberto Ecos Roman »Der Name der Rose« versucht ein Mönch um jeden Preis zu verhindern, dass Aristoteles' verloren geglaubte Schrift über die Komödie öffentlich wird. Sein Motiv: "Lachen tötet die Furcht. Und wenn man den Teufel nicht fürchtet, kann es keinen Glauben geben.“
Kann man über Angstmachendes lachen, erscheint es weniger bedrohlich. Humor und Witz thematisieren Krankheiten, das Altwerden und den Tod in einer heiteren Weise. Das Lachen über das Unvermeidbare, über die Mühen und Unwegsamkeiten des Lebens nimmt den Ernst und den Schrecken. Humor ist, wenn man trotzdem lacht.
Arzt zum Patienten: „Sie haben leider zwei Erkrankungen. Alzheimer und Parkinson!“ Patient: „Na wenigstens keinen Alzheimer!“ Oder dieser hier: Stehen zwei Kölner Bauarbeiter auf dem Gerüst. Sagt der eine: „Ich weiß nicht, was ich lieber hät, wenn ich alt bin. De Parkinson oder de Alzheimer.“ Darauf der andere: „Dann nehme ich lieber den Alzheimer. Is doch besser, wenn ich ein Bier vergess, als wenn ich es verschütt!“ Selbst über Katastrophen wie die Corona-Pandemie kann man Witze machen. „Ich hätte gerne die Fledermaus da hinten!“ „Aber die ist noch nicht ganz durch.“ „Davon wird die Welt doch nicht untergehen!“
Jeder dieser Witze kann je nach Kontext amüsant oder auch peinlich und unpassend sein. Würde der Corona-Witz im Beisein eines Menschen erzählt, der einen Angehörigen durch die Pandemie verloren hat oder der unter Long-Covid leidet, wäre er ein unverzeihlicher Fauxpas. Man macht keine Witze über eine Krankheit im Beisein derer, die darunter leiden.
Das, was den Menschen beschäftigt, ist die eigene Vergänglichkeit. Auch der Tod verliert ein wenig seinen Schrecken, wenn man sich über ihn lustig macht. Woody Allen sagte einmal: „Ich weiß, dass jeder Mensch sterben muss, aber ich habe das Gefühl, es gibt eine Ausnahme!“ Selbst über den Tod kann man sich amüsieren: „Was steht auch dem Grabstein des Voyeurs? Der ist weg vom Fenster!“ Gut, wenn man über das lachen kann, was unvermeidlich ist. Bei einer Trauerfeier werden solche Witze allerdings als unpassend empfunden. Sie verletzen die Gefühle der Anwesenden und entweihen das Trauerritual.
Obwohl, - wenn es mal dazu kommt, dass man mich unter die Erde bringt, würde ich mir das Lied der Monty Pythons wünschen: »Always look on the bride side of life«, wegen der Textzeile: “You come from nothing and you´re going back to nothing. What have you lost? Nothing!“ Wäre es noch möglich, könnte ich darüber lachen. Die anderen wahrscheinlich nicht.

Foto von Kostiantyn Klymovets

