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Vereinszeitung der Milton Erickson Gesellschaft

 Nr. 59

Nachruf für Martin Busch

Artikel von

Bernhard Trenkle Portrait

Bernhard Trenkle

Am Sonntag, den 29.Juni 2026, verstarb unser besonderer Kollege Martin Busch an den Folgen einer Streptokokken-Infektion. Ich schreibe diesen Text zu einem Zeitpunkt, zu dem ich eigentlich bei ihm auf der Liege liegen sollte. Er hat mir in den letzten Jahren sehr dabei geholfen, meinen Schlaganfall mit Halbseitenlähmung wieder in den Griff zu bekommen – oder, wie wir es formulierten, man kann lernen, die Dinge auf der linken Seite wieder richtig zu machen, während die rechte Seite alles wie mit links erledigen kann. Unser Traditionstermin war montagvormittags. Wir diskutierten, wie Martin die bei Ernil Hansen in Regensburg begonnenen Studien fortsetzen wollte, sprachen über die M.E.G., über alte Zeiten, über neue Pläne oder erzählten die neuesten Wortspielwitze. Die besagten Studienergebnisse wurden gerade von Nina Zech in einem sehr guten Vortrag bei der M.E.G.-Jahrestagung präsentiert. Martin wollte seine Körperarbeit in einem Workshop in Kassel vorstellen.

In den letzten drei bis vier Jahren lag ich oft zuerst auf der Liege, anschließend kamen Klientinnen und Klienten von mir dazu - mit CRPS oder Unfallfolgen. Wir haben dann jeweils gemeinsam gearbeitet. Martin arbeitete am Körper und ich parallel mit Hypnose. Manchmal sogar als Doppelinduktion, bei der Martin und ich abwechselnd sprachen.

Während ich schreibe, kommen viele Erinnerungen hoch und es wird mir klar, welchen großen Verlust wir erlitten haben.

Einmal war ein Maschinenbauingenieur in einem Workshop von Mark Jensen, Melchior Fischer und mir. Er hatte eine spezielle Schmerzsymptomatik. Mitten in der Nacht wachte er mit unerträglichen, rasenden Schmerzen im linken Fuß auf. Wenn er aufstand und den Fuß belastete, waren die Schmerzen wieder weg. Da es keine medizinische Erklärung gab, kam er zu uns Psychologen. Er hatte Angst, dass er eines Tages bettlägerig sein könnte und dann nicht mehr aufstehen und diesen wahnsinnigen Schmerz stoppen könnte. Ich empfahl ihm, zu Martin Busch zu gehen. Er war skeptisch. Schließlich konnte ich ihn überzeugen: Wenn er Schmerzen hat, auf dem Bein steht und der Schmerz dann weg ist, dann ist das ein mechanisches Problem, vielleicht ist etwas eingeklemmt. Er ging zu Martin und nach zwei Sitzungen war der Schmerz dauerhaft verschwunden.

Bei einer Weltkonferenz für Ego-State-Therapie in Südafrika hatte ich Beatrix Becker-Pfleiderer eingeladen. Bei dieser Anthropologin haben Gunther Schmidt und ich in den 70er Jahren viele Seminare an der Universität Heidelberg zu Ethnomedizin, Schamanismus etc. besucht. Sie war später lange Professorin an der Universität Hamburg. Beatrix hat sich schon immer für alles, was mit Heilen zu tun hat, interessiert. Einmal pilgerte sie zu Martin nach Lackendorf, um selbst eine solche Körpersitzung in Einzelarbeit zu erleben. Etwas außer sich kam sie nach dieser Sitzung bei Martin aus dem Haus und sagte nur: „Du schreibst ja nicht, aber ich schreibe auf, was gerade passiert ist.” Soweit ich weiß, hatte sie für diese Sitzung kein Ziel definiert. Sie wollte nur einmal diese Therapieform selbst erfahren. Danach konnte sie erstmals seit ca. 50 Jahren ihren Arm wieder über den Kopf führen. Sie hatte mit 16 einen Reitunfall und seitdem befand sich ihr Körper in einer Art Schutzhaltung. Nach Martins Behandlung waren auf beiden Körperseiten wieder alle Bewegungen möglich.

Vor langer Zeit war ich in Anaheim auf der von Jeff Zeig organisierten „Evolution Conference”. Am Flughafen sah ich meinen sehr schweren Koffer etwas zu spät auf dem Gepäckband. Ich zwängte mich schnell zwischen zwei Leuten durch und zog den Koffer in nach vorne gebeugter Haltung vom Laufband. Ich merkte gleich, dass das nicht gut war. In der Nacht bekam ich Rückenschmerzen, wie ich sie noch nie zuvor gehabt hatte. Ich schaffte ich es nicht, das Bett zu verlassen, um auf die Toilette zu gehen und war kurz davor, Jeff Zeig anzurufen, um mich in eine Klinik einweisen zu lassen. Ich habe dann zu Hause bei meiner Frau angerufen, um ihr die Lage zu schildern und sagte ihr, dass auch alle Körperübungen von Martin dieses Mal nichts bringen. Meine Frau riet, ich solle doch Martin anrufen. Das machte ich. Er meinte nur kurz: In der Situation helfen dir die Übungen aus meinen Seminaren nicht. Du musst aufstehen und deine Beine abwechselnd auf einen Schemel oder kleinen Stuhl stellen und mit der rechten und linken Hand abwechselnd mit sanften Diagonalbewegungen über die Oberschenkel und Knie nach vorne streichen. Ich tat es. Das Ergebnis war sensationell – nach weniger als 15 Minuten konnte ich mich wieder fast normal bewegen. Martin hatte einfach ein unglaubliches Wissen über Körper, Haltung und Bewegung.

Zitat von Martin Busch mit Bild von seiner Webseite www.selbstentwicklung.eu

Zum Glück wurden viele seiner Seminare mittels Audioaufnahmen dokumentiert. Viele bekannte Kolleginnen und Kollegen im Feld inklusive mir selbst nutzen diese Aufnahmen, um beweglich zu bleiben. Seine geniale Einzelarbeit auf der Liege haben wir auch mehrfach mit mehreren Kameras gleichzeitig dokumentiert und ihm auch ein fixes Kameraset im Behandlungszimmer aufgebaut.

Ich habe in den letzten zehn Jahren viele Klientinnen und Klienten zu ihm geschickt. Viele haben nur deshalb einen Termin bei mir bekommen, weil ich wusste, dass Martin immer kurzfristig Termine ermöglicht hat, wenn es sinnvoll war, die Körperebene dazu zu nehmen.

Martin hat als Sportpsychologe mit zahlreichen Sportlern und Sportlerinnen zusammengearbeitet. Die Jugendgewichtheberinnen eines kleinen Dorfes in der Nähe sind vor allen Bundesligamannschaften (!) deutsche Meisterinnen geworden. Die Mädels waren schlank und haben nicht über Gewichtszunahme, sondern über Bewegungskoordination trainiert. Ich erinnere mich, dass die Trainer der Konkurrenz gefragt haben: „Wie macht ihr das? Eure Mädels haben praktisch keinerlei Fehlversuche.“

Martin war als Ericksonscher Psychotherapeut oft sehr innovativ und genial. Vor einigen Wochen haben wir über Musterunterbrechungstechniken geredet. Dann hat er mir von einer Situation aus der Zeit erzählt, als er noch zusammen mit seiner Frau ein Kleinkinderheim für schwer erziehbare Kinder leitete. Damals war er in einen Kindergarten eingeladen worden, wo die versammelten Eltern ihm als Psychologen Fragen zu Erziehung und Problemen mit den Kindern stellen konnten.

Eine Mutter sagte: „Wenn meine fünfjährige Tochter einen bestimmten Gesichtsausdruck hat, triggert das etwas in mir. Ich schreie sie dann nur noch an. Gleichzeitig es tut mir so weh, das verletzte und entsetzte Gesicht meiner Tochter zu sehen. Aber ich kann das nicht stoppen. Wenn sie diesen Gesichtsausdruck hat, dann flippe ich aus. Was könnte ich tun?

Martin stellte der Mutter eine Frage: „Wenn Sie ausflippen und schreien, öffnen Sie dann den Mund vom Unterkiefer aus oder vom Oberkiefer aus?” Einige Eltern im Publikum lachten, doch die Befragte wirkte konfus und meint, man öffne den Mund doch immer mit dem Unterkiefer. Martin fixierte seinen Unterkiefer mit der Hand und zeigte, dass man den Mund auch vom Oberkiefer aus öffnen kann. Er empfahl der Mutter, ab jetzt, wenn sie den speziellen Gesichtsausdruck ihrer Tochter sieht und schreit, den Mund immer vom Oberkiefer aus zu öffnen. Er fügte noch hinzu, dass dies auch deshalb wichtig sei, weil der Oberkiefer näher am Gehirn sitzt als der Unterkiefer. Einige Tage später rief die Mutter ihn an und lachte schon zu Beginn des Telefonats. Denn jedes Mal, wenn die Tochter den besagten Gesichtsausdruck habe, falle ihr der Oberkiefer ein und sie müsse sofort lachen. Die Tochter schaue sie dann immer groß an, weil sie wisse, früher habe die Mutter geschrien und jetzt lache sie plötzlich.

In der legendären Fernsehdokumentation „Rätselhafte Heilungen“ ist Martin Busch zusammen mit seinem Patienten Dominik Polonski zu sehen. Dominik war ein genialer Cellist. Er war Chopin-Preisträger und bekam vor der Preisverleihung die Diagnose „Hirntumor“. Dominik saß mit Spastiken in beiden Armen im Rollstuhl. Seine Prognose: Nur noch kurz zu leben und nie mehr ohne Rollstuhl. Dann bekam die Mutter den Tipp, mit ihrem Sohn zu Martin Busch zu gehen. Martin hatte in den Jahren zuvor sowohl in Polen als auch in der Ukraine viele Seminare gehalten. Bis heute ist unbekannt, wer der Mutter diesen Tipp gab. Martin arbeitete monatelang mit Dominik, der dann auch bei der Familie Busch wohnte. Martin sagte zu Dominik: „Weißt du, gute Cellisten haben wir genügend, aber von guten Musiklehrern kann man nie genug haben.“ Nach einiger Zeit konnte Dominik wieder laufen, ein Arm wurde wieder voll funktionsfähig und der andere teilweise. Die Tumore verschwanden. Polnische Komponisten schrieben Stücke für Cello und eine Hand. Dominik trat live in Warschau mit dem Nationalorchester auf und bekam dann endlich seinen Chopin-Preis. Das Konzert wurde live im polnischen Fernsehen übertragen. Dominik machte seinen Doktor und unterrichtete an zwei Universitäten. Martin und Dominik haben auch gemeinsam auf unserer Tagung Mentale Stärken unterrichtet. Später schenkte Dominik die Rechte an einer seiner berühmtesten Cello-Aufnahmen Martin, damit dieser für seine Arbeit mit ihm wenigstens eine symbolische Bezahlung bekäme. Von dieser sehr schön gestalteten CD-Edition gibt es noch einige Exemplare (erhältlich über die Regionalstelle Rottweil).

Es gäbe noch viel zu erzählen. Bei einem Auftritt von Eckart von Hirschhausen auf einer meiner Heidelberger Tagungen ging Eckart von der Bühne und fragte dabei die Zuschauenden, was sie beruflich machten. Er fragte auch Martin Busch und bekam zur Antwort: ich bin Universaldilettant. Es war interessant, wie diese Musterunterbrechung Eckart verblüffte und es ihm nicht gelang, eine witzige Replik zu formulieren.
Martin, du wirst uns fehlen – mit deiner Handwerkskunst auf der Liege, mit deinen genialen Anleitungen zur Körperarbeit und mit deinem besonderen Humor sowie deinen Verblüffungstechniken.

Foto von Serg Karpow

Es war Martins Wunsch, dass seine Beerdigung nur im kleinsten familiären Kreis stattfand.