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Vereinszeitung der Milton Erickson Gesellschaft

 Nr. 59

Die Polyvagal-Theorie: Zwischen wissenschaftlicher Kritik und klinischem Nutzen

Artikel von

Bernhard Trenkle Portrait

Bernhard Trenkle

Die Polyvagal-Theorie beschreibt, wie der Vagusnerv und das autonome Nervensystem zwischen Zuständen von Sicherheit, Gefahr und Lebensbedrohung wechseln. Nach ihrem Modell prägen diese Zustände unser Bindungsverhalten, unsere Affektregulation sowie traumatische Reaktionsmuster. In der Traumatherapie wird die Theorie vielfach genutzt, um Prozesse von Sicherheit, Selbstregulation und Co-Regulation verständlich zu machen und therapeutisch nutzbar zu gestalten.

Gleichzeitig ist die Polyvagal-Theorie wissenschaftlich umstritten. Fachleute aus Neuroanatomie, Neurophysiologie und anderen biologischen Disziplinen kritisieren, dass sie neurobiologische Zusammenhänge zu stark vereinfache und in wesentlichen Punkten nicht mit dem aktuellen Forschungsstand übereinstimme.

Viele Traumatherapeutinnen und Traumatherapeuten kennen diese Kritik und nehmen sie ernst. Dennoch betonen sie den erheblichen praktischen Nutzen der Theorie für die klinische Arbeit. Woltemade Hartman, der gerade sein rund 900 Seiten umfassendes Opus magnum zur Ego-State-Therapie veröffentlicht, vertritt sogar die Auffassung, dass die Entwicklung der modernen Traumatherapie und der Ego-State-Therapie ohne die Polyvagal-Theorie kaum denkbar gewesen wäre. Tatsächlich beziehen sich zahlreiche Autorinnen und Autoren des neuen Sammelbandes ausdrücklich auf ihre Konzepte.

In der Hypno-Liste der M.E.G. (Fachaustausch online) wurde dieses Thema kürzlich intensiv diskutiert. Die Beiträge waren ebenso facettenreich wie kenntnisreich und machten deutlich, dass hier ein Spannungsfeld besteht, das sich nicht durch einfache Ja-Nein-Antworten auflösen lässt.

Die Debatte erinnerte mich an einen alten Schulwitz.

Die Lehrerin fragt: „Was ist schneller – Licht oder Schall?“

Fritz meldet sich: „Der Schall.“

„Wie kommst du darauf?“

„Wir haben einen Fernseher. Wenn ich ihn einschalte, kommt zuerst der Ton und dann das Bild.“

Die Lehrerin sagt: „Falsche Antwort – und die Begründung überzeugt auch nicht.“

Nun meldet sich Paul: „Das Licht ist schneller.“

„Warum?“

„Wir haben eine Stereoanlage. Wenn ich sie einschalte, geht zuerst das kleine Lämpchen an, und erst danach kommt der Ton.“

Die Lehrerin antwortet: „Richtige Antwort, aber falsche Begründung.“

Schließlich meldet sich Lukas: „Das Licht ist schneller. Wenn ich in der Ferne jemanden schießen sehe, sehe ich zuerst den Pulverdampf und höre den

Schuss erst später.“

„Sehr gut“, sagt die Lehrerin. „Richtige Antwort und gute Begründung.“

Doch Lukas ergänzt noch: „Und das liegt daran, dass die Augen weiter vorne sitzen als die Ohren.“

Vielleicht steckt darin eine kleine Lehre für die aktuelle Diskussion. Man kann gelegentlich zu einer richtigen praktischen Schlussfolgerung gelangen, auch wenn die theoretische Begründung nicht vollständig stimmt. Umgekehrt garantiert eine korrekte Theorie nicht automatisch therapeutischen Erfolg.

Dazu fällt mir noch ein Freiburger Physikprofessor ein, der in mündlichen Prüfungen gerne scherzhafte Fragen stellte.

Seine Studierenden mussten natürlich die physikalisch korrekten Antworten kennen, doch gelegentlich überraschten sie ihn mit bemerkenswerter Kreativität.

Auf die Frage: „Warum kann man mit dem Motorrad nicht über das Meer fahren?“ erwartete er Erklärungen zu Auftrieb, Dichte und physikalischen Gesetzmäßigkeiten. 

Ein Prüfling antwortete jedoch trocken: „Weil es keine Tankstellen gibt.“

Ein anderes Mal blickte der Professor während einer Prüfung aus dem Fenster und sagte: „Ich sehe dort oben zwei Wolken. Warum fällt so eine Wolke eigentlich nicht herunter?“

Der Prüfling stand auf, trat ebenfalls ans Fenster, betrachtete den Himmel und fragte zurück: „Welche? Die linke oder die rechte?“

Vielleicht können wir aus all dem etwas für die Traumatherapie mitnehmen. In einem ohnehin hochkomplexen Arbeitsfeld sollten wir bereit sein, alles zu nutzen, was Menschen nachweislich hilft. Gleichzeitig dürfen wir neugierig, kritisch und wissenschaftlich bleiben. Es spricht nichts dagegen, therapeutische Wirksamkeit ernst zu nehmen und zugleich theoretische Modelle immer wieder zu überprüfen.

Oder anders gesagt: Wir können uns mit deutscher Gründlichkeit der Wissenschaft widmen und dabei eine Portion verbissenen Humors und gnadenloser Leichtigkeit bewahren.

Foto von Anuar Jamal